Über Menschen

zu schreiben, echte Menschen, Menschen in der Provinz, für die sich sonst keiner interessiert, das ist sicher einer der größten Verdienste, die man heute in der deutschen Literatur haben und die Juli Zeh für sich reklamieren kann. Denn anders als bei den amerikanischen Schriftstellern, die sich nicht scheuen, über Underdogs zu schreiben und Trailerparks, scheint es hierzulande schwer zu sein, in einem Roman in die Niederungen abzusteigen, bei denen die hippen Großstadtschreiber Berührungsängste haben. Denn man kann sich war gut über den nach rechts abgedrifteten Ostmenschen erregen, aber man will doch lieber keinem zu nahekommen.

Diese Scheu kann man sich wahrscheinlich nicht leisten, wenn man auf einem brandenburgischen Kaff wohnt. In gewisser Weise ist „Über Menschen“ eine Fortschreibung von „Unter Leuten“, nur nicht so böse.

Dora, die angeschlagene Heldin dieses Romans, zieht aus Berlin in die Provinz, ein bißchen flieht sie auch, und es scheint ihr unter Coronabedingungen eine gute Idee, zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen: aus einer zerbrechenden Beziehung auszusteigen und aus einer Stadt im Lockdown. Denn Doras Lebensgefährte Robert ist inzwischen zu einem Hardcore-Umweltschützer mutiert, dem Dora eine kleine heimliche Revolution entgegensetzt: immer, wenn er mal wieder besonders rigide argumentiert, wirft sie heimlich eine Flasche in den Altpapiercontainer oder Plastik in den Biomüll, jedenfalls bis er sie ertappt.

Also kauft sie sich einen heruntergekommenen Landsitz im Brandenburgischen, wo sie erfreut feststellt, dass das Internet dort erheblich besser funktioniert als in Berlin, wunderbar, wenn man im homeoffice arbeiten kann.

Allerdings ist es mit der Nachbarschaft so eine Sache, denn der nebenan wohnende Mann stellt sich ihr vor als „Ich bin Gote, der Dorfnazi“. Da muß man erst mal schlucken, genauso wie bei dem einzigen schwulen Paar am Ort. Einer ist Gärtner, der andere Schauspieler, aber beide wählen trotzdem AfD, weil deren Vertreter die einzigen sind, die sich wenigstens etwas um die Belange der Landbevölkerung kümmern. Und Gote sitzt zwar abends im Garten mit drei sehr radikalen Rechten, die mit ihm das Horst-Wessel-Lied schmettern, ist aber eigentlich ein netter Kerl. Wenn man ihn denn kennenlernt.

Plötzlich ist alles nicht mehr Schwarz und Weiß, und Dora fängt an zu verstehen, dass es sehr erleichternd sein kann, nicht dauernd ein Gutmensch zu sein, wie verführerisch es ist, schwitzend den Garten umzugraben und nichts mehr zu denken. Langsam muß sie auch feststellen, dass es außerhalb von Werbeagenturen und dem Prenzlauer Berg Menschen gibt, die als alleinerziehende Mutter Nachtschichten schieben und trotzdem tagsüber ihre Kinder versorgen, die ihre schweren Einkaufstüten mit dem Bus nach Hause speditieren, aber trotzdem so viel Zeit haben, ihr einen Sack Saatkartoffeln zu bringen.

Das Buch liest sich in einem Zug, und mich erinnerte es an einen Mandanten, den ich vor vielen Jahren hatte, einen kleinen dummen Kerl aus dem Osten, der von Kopf bis Fuß mit Hakenkreuzen tätowiert war, weil die einzigen, die je mit ihm geredet hatten, ein paar durchgeknallte Jungnazis waren. Obwohl ich mir geschworen hatte, nie so jemanden zu verteidigen, mochte ich ihn dann wirklich gerne, weil er wie ein schlecht dressierter, vernachlässigter Welpe war, den man tatsächlich noch retten konnte. Mit ein wenig Mühe, natürlich. Nur gab es für meinen kleinen Nazi leider keinen Geldtopf beim Sozialamt, aus dem man ihm die Entfernung seiner tattoos hätte bezahlen können. Er mußte also immer sein T-shirt anbehalten im Schwimmbad.

Was lernen wir daraus: man sollte sich seine Überzeugungen nicht auf die Haut stechen lassen, sie könnten sich ändern. Und man sollte mehr miteinander reden.

Zeh, Juli
Luchterhand Literaturverlag
ISBN/EAN: 9783630876672
22,00 € (inkl. MwSt.)