Ach, Virginia

Wenn Sie keine Angst vor Virginia Woolf haben, dann sollten Sie dieses Buch lesen. Allerdings muss ich Sie darauf hinweisen, dass es zu Zeiten der Corona-Depression nicht gerade zur besseren Laune beiträgt. Michael Kumpfmüller hat sich auf beeindruckende Weise in die Psyche einer Depressiven eingefühlt und schildert die letzten Tage Virginias vor ihrem Selbstmord im Fluss.

Nicht, dass sie einem sympathisch wäre, diese sich und ihre Umgebung quälende Person, die selbst noch in ihrer Verzweiflung arrogant und überheblich ist. Es ist ja kein unbekanntes Phänomen, dass für nahestehende Personen die psychische Krankheit eines geliebten Menschen als eine Art Verrat angesehen wird, als würde man auf ungerechte Weise verlassen, als sähe der andere egoistisch nur sich und nicht das, was man für ihn tut. Zornig wird man und verletzt von der Monomanie der Verrückten, die sich doch einfach ein bisschen mehr anstrengen könnte…

Die Lektüre des Romans lässt einen auch wünschen, wieder einmal etwas von Woolf selbst zu lesen, die ja gerade für die Frauenbewegung so wichtig war, auch wenn sie selbst das eher nicht so sehen konnte. Wahrscheinlich haben auch Sie vergessen, dass sie ein Opfer sexuellen Mißbrauchs war, den sie nie verarbeiten konnte, und ihr Leben eine Kette unglücklicher Verbindungen. Eine einsame Frau, so unfähig zur Liebe, dass Selbstmord letztlich die unausweichliche Folge war.  Der Fluß, in dem sie sich ertränkt, wird ihr so zum letzten Geliebten.

Kein „schönes“ Buch also, aber eines, dass Sie sicher nicht unberührt lassen wird.

Kumpfmüller, Michael
Verlag Kiepenheuer & Witsch GmbH & Co KG
ISBN/EAN: 9783462049213
22,00 € (inkl. MwSt.)