All das zu verlieren

Ich frage mich, ob die Rezensenten im Stern und im Spiegel, die sich mit diesem neuen Roman von Leila Slimani beschäftigt haben, Männer waren. Das würde erklären, warum sich sowohl der Rezensent, der ihn im Stern hoch gelobt hat, als auch der im Spiegel, der ihn verrissen hat, gewaltig irren.

Beide halten die Heldin des Buches, Adèle, für sexsüchtig, und sie haben nichts verstanden. Wie schon bei „Vor der Flut“ (auch auf unserer Homepage besprochen) zeigt sich, dass Autorinnen, die weibliche Sexualität zum Hauptthema ihres Buches zu machen scheinen (und die Betonung liegt auf „scheinen“), offenbar gerne verkannt werden.

Man muss sich hier auch Doris Knechts grandioses Buch „Besser“ in Erinnerung rufen. Dort wie auch bei Leila Slimani fühlt die Heldin sich fehl am Platz in ihrer Ehe mit einem Mann, der ihr finanziell alles bietet und ihr jegliche Freiheit lässt.  Alle drei Protagonistinnen brechen aus ihrer Ehe aus, bei Sievers und Slimani suchen sie auf den ersten Blick zwanghaft und beliebig nach Männern für eine Nacht oder nur für ein paar Stunden, und Adèle ist dabei überhaupt nicht wählerisch.  Aber sie sind nicht süchtig nach Sex, sondern nach dem Begehren des Mannes. Und nach der Erniedrigung. Adèle riskiert, alles zu verlieren, all das, was ihr in Wahrheit wie ein großes Missverständnis erscheint. Weil sie vor allem aber glaubt, dieses Leben zwischen bourgeoisen Menschen, deren Werte ihr nichts bedeuten und deren Gespräche sie zu Tode langweilen, nicht zu verdienen. Wie die Heldin in „Besser“ hält sie sich für eine Betrügerin weniger auf dem Gebiet der Treue zu ihrem aufstiegsfixierten Mann, als hinsichtlich der Rolle, die sie für ihn und sein Umfeld spielt.  Sie kommt aus einer Unterschichtsfamilie, der Vater Algerier, die Mutter eine Schlampe, die ihr beigebracht hat, dass sie nichts wert ist, dass Männer nur dazu taugen, ausgenutzt zu werden und sich in ihrem Blick zu spiegeln. Und was man da sieht, ist nicht erfreulich.

Die Spiegel-Rezension hält Adèle für eine Nymphomanin. Welch großer Irrtum, es sei denn, man teilt meine Ansicht, daß Nymphomaninnen jedenfalls sehr unbefriedigte, kreuzunglückliche Frauen sind.

Leila Slimani hat noch ein Buch geschrieben, das man zum Verständnis ihres Romans lesen sollte: „Sex und Lügen“, in dem sie sich insbesondere mit arabisch-stämmigen Frauen beschäftigt, von denen sie schon aufgrund ihrer eigenen Biografie viel versteht.

Aber machen Sie sich selbst ein Bild, es lohnt sich.

Slimani, Leïla
Luchterhand Literaturverlag
ISBN/EAN: 9783630875538
22,00 € (inkl. MwSt.)