All die unbewohnten Zimmer

Schon lange wollte ich einmal ein Buch von Friedrich Ani lesen, dessen neuester Roman „All die unbewohnten Zimmer“ gerade gute Kritiken erhält. „Der namenlose Tag“ lag noch auf dem Stapel, und in der Tat lehrte mich die Lektüre, dass ich nicht so lange hätte warten sollen. Jakob Franck, der Protagonist, ist inzwischen pensioniert, früher war er in seinem Kommissariat derjenige, der, weil er offenbar eine Art Begabung dafür hat, Familien Todesnachrichten überbringen mußte. Jetzt stößt er wieder auf einen alten Fall, ein junges Mädchen wurde erhängt in einem Park gefunden, Selbstmord wahrscheinlich, und er hatte die Mutter aufgesucht, die stundenlang in seinen Armen weinte. Der Vater sucht ihn nun wieder auf, überredet ihn, die Sache noch einmal aufzurollen, weil er überzeugt ist, seine Tochter müsse ermordet worden sein. Wir begleiten ihn nun also auf eine sehr langsam erzählte Reise zur Wahrheit, oder vielmehr in die Befindlichkeiten dieser Menschen. Sehr langsam, völlig entschleunigt, spricht er mit Zeugen, die sich nach all der Zeit kaum erinnern, aber dann doch Geschichten hervorholen, die ihm ein schlechtes Gewissen machen, nicht schon damals gefragt zu haben…

Ein langsames Buch, wie gesagt, aber keine Sekunde langweilig.

Ani erinnert mich in seiner Erzählweise an Simenon, von dem ich auch wieder ein paar Romane gelesen habe, dank des Umstandes, dass sein Gesamtwerk nun wieder peu à peu herausgebracht wird. Auch bei Simenon geht ja nichts schnell, und man begleitet ihn geduldig auf seinen Taxifahrten, ins Bistro zum Bier, nach Hause, wo seine Frau die Pantoffeln für ihn bereit gestellt hat. Natürlich ist es heutzutage ein wenig seltsam, die Eheleute Maigret zu beobachten, diese klassische Aufgabenteilung, dieses so absolut unemanzipierte Verhältnis zwischen einer Frau, die dem Mann Essen koch und ihm die Pfeife stopft und sich nie beschwert, wenn er spät nach Hause kommt – und trotzdem liest man es gerne, taucht ein in eine verschwundene Welt ohne Handy und Internet, in der es noch Telefonistinnen gibt, wo man noch rauchen durfte und trinken im Dienst und man sich Zeit nahm für die Geschichten der Menschen, die so bürgerlich scheinen und so viele Geheimnisse haben. Lesen Sie zum Beispiel einfach das ganz dünne Buch „Maigrets Pfeife“, und sie werden sofort merken, was ich meine.

 

Und dann gibt es noch ein paar sehr viel aktuellere Empfehlungen:

Something in the water – Catherine Steadman

Der richtige Krimi für die, die Girl on the train mochten, Gone Girl oder die Bücher von Melanie Raabe (jetzt höre ich mich fast schon an wie Amazon). Aber in der Tat ist das ein wirklich spannende Buch und man lernt unter anderem, dass es auf Bora Bora bzw. dort im Wasser viele Haie gibt. Vielleicht ist Ihnen diese Information ja einmal nützlich, falls Sie sie einen Tauchurlaub planen.

Erin und Mark verbringen dort ihre Flitterwochen, und bei einem Tauchausflug entdecken sie ein abgestürztes Flugzeug, aus dem ein Koffer auftaucht, in dem sich sehr viel Geld nebst noch mehr Diamanten befinden. Da er einst so erfolgreiche Investment-Banker Mark gerade seinen Job verloren hat, treffen die beiden eine folgenschwere Entscheidung: nicht die Polizei zu rufen, sondern den Inhalt des Koffers zu behalten, was die ursprünglichen Besitzer naturgemäß nicht erfreut. Die beiden entwickeln nun erstaunlich kriminelle Energie, wobei Erin der Umstand zu Hilfe kommt, dass sie gerade einen Dokumentarfilm über drei Menschen dreht, die lange im Gefängnis waren und nun entlassen werden. Einer davon ist ein gut vernetzter englischer Gangster der alten Schule, der Erin ein paar gute Tips geben kann, wie man größere Summen unterbringt, ohne Verdacht zu erregen. Aber das Ganze wirft mit der Zeit doch einen erheblichen Schatten auf die Ehe…

 

Ganz anders und sehr bedrückend ist „Harz“ von Ane Riel, einer dänischen Autorin, von der ich gerne mehr lesen werde. Hier geht es um alles andere als "unbewohnte Zimmer". Liv, ein kleines Mädchen, lebt mit ihren Eltern auf einer kleinen Halbinsel, der Vater ist ein sehr begabter Schreiner, die Mutter war einmal eine sehr schöne Frau, die aber inzwischen so dick geworden ist, dass sie nur noch auf ihrem Bett dahinvegetiert, da sie nicht mehr durch die Tür paßt, selbst wenn sie den Raum verlassen wollte. Der Vater ist eine Art Messi, der sich von nichts trennen kann, und das Haus, den ganzen Hof, inzwischen fast die ganze Insel so zumüllt, das kein Durchkommen mehr ist. Liv ernährt die Familie durch nächtliche Diebstähle auf der Hauptinsel, keine leichte Aufgabe bei einer Mutter, die nichts anderes mehr tut als essen. Es gelingt Riel, die Obsession des Vaters durch die Augen des Kindes sehen zu lassen, das verzweifelt bemüht ist, die immer absurderen Verhaltensweisen ihres geliebten Vaters zu verstehen und tatsächlich kann man nachvollziehen, mit steigender Beklemmung, was einen Menschen oder eine Familie in eine Spirale von paranoider Isolation treiben kann. Ein wirklich beeindruckendes Buch, das man, anders als der Verlag es tut, nicht ins Genre des Thrillers einordnen kann.

Sharon Bolton - Der Schatten des Bösen

Bolton liebt die leicht gruseligen Szenerien – mystische englische Orte, alte Legenden, und diesmal hat sie sich einen Ort ausgesucht, in dem es früher Hexen gab.

Kinder werden entführt und lebendig begraben, vor Jahren wurde der Mörder gefunden und verurteilt, aber nun geschehen wieder sehr ähnliche Gräueltaten. War es vielleicht doch der Falsche, der verurteilt wurde?

Florence Lovelady ist eine junge Polizistin in einer Männerwelt, und Hilfe wird ihr von Frauen zuteil, die die alten Traditionen der weißen Hexen nutzen. Keine echten Hexen, sondern diejenigen, die die Kraft der alten weisen Frauen nutzen – mystisch, aber gar nicht so unwahrscheinlich, wie es zuerst scheint.

Wer sich vor nebeligen dunklen Nächten nicht fürchtet, kann das Buch auch am Abend lesen, die anderen sollten das Tageslicht für die Lektüre vorziehen….

Ani, Friedrich
Suhrkamp
ISBN/EAN: 9783518428504
22,00 € (inkl. MwSt.)