Barbarentage

„A surfing life“ ist der Untertitel der englischen Originalausgabe. Ich muß gestehen, ich hätte mir vor der Lektüre dieses Buches nicht vorstellen können, daß mich eine Geschichte, in der es nur ums Surfen zu gehen scheint, in der man seitenlang ausführliche Beschreibung von Wellen, Gischt, Riffen dem besten Ausgangspunkt für den Ritt und jede Art von Insider-Slang findet, so fesseln könnte. Mag sein, daß es an dem Bißchen Erfahrung liegt, das ich selbst mit Segeln und Kentern habe, was mir die Brandung, in der der Autor seine jungen Jahre verbracht hat, so nahebringt. Aber eigentlich kann es das nicht sein. Dieses Buch ist zugleich eine Zeitreise in die 60er und 70er Jahre in Amerika, als die Surfer nichtsnutzige Freaks waren, die sich vor dem Vietnamkrieg drückten oder gegen ihn protestierten, die einen Lebensstil entwickelten, den es so nie mehr geben kann.

William Finnegan wurde Journalist, ein renommierter Auslands- und Kriegsreporter, und er kann nicht nur surfen, sondern genauso rasant schreiben. Er nimmt uns mit zu den entlegensten Inseln, auf denen er lernte, daß viel von dem, was man in der „zivilisierten Welt“ für wichtig ist, vor der Weite einer Wüste oder eines Ozeans lächerlich bedeutungslos wird, daß sich selbst Bücher, deren Autoren einst Helden für den jugendlichen Leser waren, als prätentiös erweisen können. Und, heute in Anbetracht eines Herrn Trump nicht zu vergessen: Daß man nichts weiß über fremde Kulturen, bevor man sie nicht selbst besucht hat, und selbst dann bleibt man in der Regel nichts als ein ziemlich einsamer Fremder.

Auch wenn Sie eher wasserscheu sein sollten: dieses Buch können Sie auf eine einsame Insel mitnehmen. Und selbst beim Couchsurfen ist es eine lohnende Lektüre.

 

Finnegan, William
Suhrkamp
ISBN/EAN: 9783518468739
18,00 €