Bis an die Grenze

Dave Eggers hat ein gewisses Faible für Menschen, denen man über lange Strecken beim Scheitern zusieht. Man möchte dann in das Buch hineinspringen und dem jeweiligen Protagonisten zurufen, daß er doch bitte aufhören möge, sich immer tiefer in den Selbstbetrug und die daraus resultierenden Fehlentscheidungen zu begeben. Die Helden bei Genazino – Tschüß, Willem, ein paar von Deinen zukünftigen Versagern hätte ich gerne noch kennengelernt – sind auch von der Art, oder, wenn wir die Weltliteratur bemühen wollen, Oblomow. Dem wollte ich auch immer sagen: mein Gott, krieg doch endlich mal den Hintern hoch, verdammt!

Josie, die Protagonistin von „Bis an die Grenze“, ist auch so eine. Auf der Flucht vor ihrem alten Leben und dem völlig nutzlosen Exmann, der gefühlt die Hälfte der Ehezeit auf dem Klo verbracht hat, bricht sie mit ihren Kindern nach Alaska auf, zu neuen, ziemlich grau verhangenen Horizonten. Und sie macht so ziemlich alles falsch, was man nur falsch machen kann. Sie mietet ein heruntergekommenes Wohnmobil mit dem hochtrabenden Namen Chateau und bricht, ohne Navi, ohne Karte, ohne wirklichen Plan, nach Norden auf. Und obwohl sie eigentlich gar nicht so untüchtig ist, immerhin war sie einmal eine nicht unerfolgreiche Zahnärztin, bis sie einen Fehler gemacht zu haben scheint, der ihr eine Schmerzensgeldklage einbringt, scheitert sie schon an den banalsten Dingen des Alltags. Man riecht förmlich die stickige Luft im Chateau, in dem alles klappert und schmuddelig ist. Ihre Methode gegen das Klappern der Teller in den alten Einbauschränken besteht nun darin, alles Geschirr in Handtücher einzuwickeln und auf dem Boden der Dusche abzulegen, was dazu führt, daß man nun nichts mehr hat, mit dem man Kochen könnte, so daß es dann auch egal ist, wenn man nicht mehr an das Besteck kommt. Natürlich hat diese Vorgehensweise auch gewissen Einfluß auf die Körperhygiene. Herrjeh, denkt man dann, es wäre doch so einfach, mit ein klein wenig Nachdenken …aber nein.

Natürlich erfahren wir auf dem kurvenreichen Weg nach Nirgendwo, woher diese eklatante Lebensuntüchtigkeit kommt, und Josie mag einem noch so sehr auf die Nerven gehen, man kann sie einfach nicht allein lassen, man hofft mir ihr, es werde doch alles gut werden – und in gewisser Weise wird es das auch. Irgendwie.  Morgen, vielleicht.

Eggers, Dave
Verlag Kiepenheuer & Witsch GmbH & Co KG
ISBN/EAN: 9783462051858
12,00 € (inkl. MwSt.)