Das blaue Zimmer

Simenon soll unzählige Geliebte gehabt haben, und sicher war die ein oder andere dabei, die sich mehr von ihm versprochen hat als eine flüchtige Begegnung, eine, die davon überzeugt sei, bei ihr, mit ihr sei alles anders.

Weil er so produktiv war, ein Lebemann dazu, wurde und wird aus vielen Gründen literaturkritischer Arroganz sein schriftstellerisches Werk gerne unterschätzt. André Gide nannte ihn „den Größten von allen“, und das könnte richtig sein.

„Das blaue Zimmer“ ist der Ort, an dem Tony, der Italiener, der in seiner Gemeinde immer der Fremde blieb, sich mit Andrée trifft, einer Frau, die für ihn damals in der Schulzeit absolut unerreichbar schien. 9 oder 10 mal nur lebt er mir ihr nun eine bis dahin unvorstellbare Hingabe im Hotel seines Bruders, wo er sich immer mit ihr trifft, wenn sie zum Zeichen ihrer Bereitschaft ein Laken aus einem Zimmer ihres Hauses gehängt hat. Aber diese kurze Zeit reicht,  um Ereignisse ins Rollen zu bringen, die er, wie so viele Männer, nie für möglich gehalten hätten. Weil er zwar Leidenschaft empfindet, aber die ist einsam und egoistisch, und deshalb nicht zuhört, wenn Andrée ihn fragt: „kannst Du Dir ein Leben mit mir vorstellen“.

„Natürlich“, sagt er, während er aus dem Fenster sieht.

Aber dann stirbt Andrées Ehemann, und plötzlich steht Tony als Verdächtiger vor dem Ermittlungsrichter, dem Gutachter, seinem Anwalt, Menschen, die ganz gegen seine Erwartung durchaus versuchen, ihn zu verstehen. Gerade der Richter gibt sich jede erdenkliche Mühe, ihm nahe zu kommen, aber er kann nicht zu ihm vordringen. Tony weiß, dass der ordentliche Jurist nie eine Geliebte gehabt hat,  nie gezweifelt hat an seinem bürgerlichen Leben, dass es sinnlos ist, ihm die Wahrheit zu sagen, weil er sie nicht verstehen wird. Auch das ist leider  ein großes Missverständnis, oder besser: ein Misstrauen,  geboren aus der Überzeugung, jeder könne nur das begreifen, was er selbst erlebt hat, dass Empathie nicht möglich sei.  Jeder gute Strafverteidiger kennt diese Situation: dass ein Angeklagter versucht, sich zu erklären, aber er kommt aus einer so anderen Welt, dass sie sich dem Richter nicht erschließen wird. Nie.  Dabei könnte manchmal doch da oben einer sitzen, der ihn versteht. Aber nur manchmal. Ganz selten. Bei Simenon.

Simenon, Georges
Atlantik Verlag
ISBN/EAN: 9783455007862
12,00 € (inkl. MwSt.)