Das kann uns keiner nehmen

 

Habe ich jemals etwas von Matthias Politycki gelesen? Haben Sie? Wahrscheinlich habe ich es nicht getan, denn wenn seine früheren Bücher diesem letzten nur in etwa gleichkommen, hätte ich es wohl nicht vergessen. So muß ich zugeben, dass es mit meiner literarischen Kenntnis doch nicht so weit her ist…

Ein Mann bricht zum Kilimandscharo auf, diesem Berg, der so viele Europäer angezogen und manche wohl auch verschlungen hat. „Die Sehnsucht is a oade Hur“, würde der Tscharli jetzt sagen, der Mann, den Politycki zum Helden dieses Buches gemacht hat.

Ein größerer Gegensatz ist kaum denkbar als der zwischen diesen beiden Männern. Da ist Hans, der politisch überkorrekte Schriftsteller aus Hamburg, und „der Tscharli“, ein Urbayer, ein Urgestein, ein Clown, Weiberheld, und vor allem einer, der, wie man von Clowns gerne annimmt, unter seiner polternden, lauten Fassade eine tiefe Verzweiflung versteckt.

Es ist ein Buch über Vorurteile, vor allem über die Vorurteile des Gutmenschen dem Neger gegenüber – und natürlich rügt Hans den Tscharli als erstes wegen seiner (scheinbar) rassistischen Ausdrucksweise, und wundert sich, warum den all die, die er mit seinem Kunstsuaheli zum lachen bringt, so lieben, während sie ihm nur mit vorsichtiger Distanz begegnen.

 Schade, dass Wiglaf Droste schon tot ist, wieder einmal bedauere ich das so sehr, dass ich mit ihm nicht mehr über dieses Buch sprechen kann, und über unsere gemeinsame Erkenntnis, dass uns wohlgenährten Europäern „der Neger eigentlich am Arsch vorbeigeht“, über die Arroganz des Weißen, der sich sogar in seiner ach so korrekten Schonhaltung noch über den „Afrikaner“ erhebt, wenn er ihn anmaßend schützen zu müssen glaubt.  „Selbst Demut ist letzten Endes Hochmut“, sagt der Tscharli, und wie recht er doch hat.

Es ist ein Abenteuerroman, einerseits, mit stark autobiografischen Zügen, denn Politycki wäre selbst fast gestorben, damals, in Afrika. Ein Buch über Freundschaft, über Vorurteile und wie man sie überwindet, über eine Reise in das „Herz der Finsternis“, und wenn man Glück hat, entlässt es einen ein wenig demütiger und weiser. Im besten Falle auch ohne Hochmut.

Politycki, Matthias
Hoffmann und Campe Verlag GmbH
ISBN/EAN: 9783455009248
22,00 € (inkl. MwSt.)