Das lügenhafte Leben der Erwachsenen

Frau Ferrante hat ein neues Buch geschrieben. Es spielt natürlich in Neapel und wieder geht es um Freundinnen, deren Geschichte an ein altes Degenhardt-Lied erinnert: „Spiel nicht mit den Schmuddelkindern, sing nicht ihre Lieder…“

Bisher mochte ich Frau Ferrante nicht besonders, vor allem, weil mir nach einem Interview mit ihr im Spiegel ihre Haltung „Der Autor muß hinter seinem Werk zurücktreten“ ein wenig arrogant erschien, mehr ein gelungener Publicity-Trick als echte Sorge um die Literatur, als wären alle, die sich nicht hinter einem Pseudonym verstecken, nur eitle Schreiberlinge.

Aber sei´s drum: dieses Buch habe ich im Gegensatz zu der „Genialen Freundin“ tatsächlich zu Ende gelesen, und die Hauptfigur Giovanna ist wirklich beeindruckend, schräg, eigensinnig, einsam…

Sie stammt aus einer Lehrerfamilie, die alles tut, um sich von denen in der Unterstadt abzusetzen, scheinbar so sanftmütig, moralisch und intellektuell, aber natürlich haben die Eltern ihre Geheimnisse, sie betrügen sich und ihr Kind, sie schweigen über die wichtigen Dinge und vor allem der Vater ist ein halbphilosophischer Schwadroneur. Kein Wunder also, dass Giovanna die Schwester des Vaters, mit der er seit Jahren keinen Umgang pflegt, und deren Umfeld viel faszinierender erscheint als die eigene Familie und ihre Freunde, unbedingt kennenlernen will. Das tut sie auch und lernt eine andere Welt kennen, in der man Dialekt spricht und vor allem ausspricht, was man denkt. Kein Wunder also, dass Giovanna das faszinierend findet und ihre Eltern in einem anderen Licht sieht.

Wie gesagt: die Geschichte hat einen Sog, die Figuren Charakter, aber irgendetwas irritiert mich trotzdem, irgendetwas stimmt nicht am Ton. Vielleicht liegt es an der Übersetzung, aber das glaube ich nicht, vielleicht muss man auch die neapolitanische Gesellschaft besser kennen. Die Sprache ist altmodisch, die Dialoge scheinen Personen aus einer sehr rückständigen, oder besser: zeitlich zurückliegenden Gesellschaft zu stammen, aber das, was sie tun, passt nicht dazu. Natürlich haben Jugendliche in der Pubertät schon immer gegen ihre Eltern aufbegehrt, gegen den Muff der Kirche und der Gesellschaft, aber hier bewegen wir uns zum einen in einer Zeit, in der man noch geradezu gnadenlos über die Jungfräulichkeit der Mädchen wacht, andererseits aber Tanktops trägt….

Seltsam, seltsam. Vielleicht soll er ja zeitlos sein, der Roman, aber das funktioniert eben nur begrenzt, wenn es um die Authentizität der Protagonisten geht. Vielleicht ist ja etwas dran an der Vermutung, Frau Ferrante sei eigentlich ein Autorenduo, es würde den ein oder anderen Bruch im Stil erklären. Am besten lesen Sie es einfach selbst und sagen mir dann Ihre Meinung.

Ferrante, Elena
Suhrkamp
ISBN/EAN: 9783518429525
24,00 € (inkl. MwSt.)