Das Verschwinden der Adèle Bedeau

Gerade habe ich wieder einmal Simenon eine kleine Eloge geschrieben, und Graeme Macrae Burnet, von dem ich bis dato noch nie gehört habe, ist ein würdiger Nachfolger, auch wenn er es wohl nie schaffen wird, uns so viele Romane wie Simenon zu hinterlassen.

Macrae Burnet ist Schotte, aber man könnte ihn für einen Franzosen halten, zumal „Das Verschwinden der Adèle Bedeau“ im Elsaß geschah.

Manfred Baumann, der Protagonist dieses wunderbar langsamen Romans – oder handelt es sich doch um eine wahre Geschichte?- ist allerdings Schweizer, was im Dreiländereck des Haut-Rhin zwischen Deutschland, Frankreich und der Schweiz eigentlich keine Rolle spielen sollte. Aber in Kleinstädten, Dörfern fast wie Saint-Louis, ist und bleibt man ein Fremder, wenn man nicht dort geboren wurde.

Baumann ist noch erheblich einsamer und bürgerlicher, als Popinga aus dem „Mann, der den Zügen nachsah“. Ähnlich wie Popinga hat er eine gute Stellung als Bankdirektor und einen stets gleichen Tagesablauf. Jeden Mittag besucht er das Restaurant de la Cloche und isst das immer gleiche Menue. Mindestens einmal in der Woche bestellt er ein Gericht, dass er eigentlich überhaupt nicht mag, nur um dem Wirt nicht das Gefühl zu geben, er sei mit der Auswahl nicht zufrieden.

Abends kehrt er, nachdem er sorgfältig die Bankfiiale abgeschlossen hat, dorthin zurück, um ein immer gleiches Ritual zu vollziehen: er wartet, bis Lemerre, Petit und Cloutier, alle von Bildung und Stand weit unter ihm, aber erheblich selbstbewußter, ihn als vierten Mann zu ihrem Kartenspiel bitten, wozu er sich regelmäßig nach kurzem Zögern bereit erklärt.

Er trinkt jeden Abend eine Flasche Wein, bestellt aber glasweise, denn „er sagte sich, dass es ordinär wäre, allein mit einer Flasche Wein an der Bar zu sehen. Das sähe es so aus, als käme er in der Absicht, sich zu betrinken, obwohl das die anderen Stammgäste des Restaurants gewiss nicht kümmern würde. Andererseits hatte Manfred das Gefühl, dass diese Gewohnheit möglicherweise dazu beitrug, Lemerre und seine Freund gegen ihn einzunehmen, als würde er sich dadurch, das er glasweise bestellte, über die drei Männer erheben, die sich Karaffen bringen ließen. Es vermittelte den Eindruck, als hielte er sich für etwas Besseres. Was er auch tat.“

Im Restaurant de la Cloche arbeitet eine junge Kellnerin, Adèle, und Baumann kann es, obwohl er sich redlich bemüht, nicht verhindern, sich von ihrer etwas zu weit offen stehenden Bluse, ihrem lasziven Wesen und ihren schwingenden Hüften verwirren zu lassen.

Eines Abends trifft er sie nach Kneipenschluß draußen, wo sie eine Zigarette raucht und ihn tatsächlich grüßt und mit Vornamen anspricht! Gott sei Dank kommt es zu keiner längeren Unterhaltung, da kurz darauf ihr Freund auf seinem Roller eintrifft, um sie abzuholen.

Aber dann verschwindet Adèle. Spurlos. Der Fall – von dem man nicht recht weiß, ob es überhaupt einer ist – wird Kommissar Gorsky übertragen, der noch daran leidet, den einzigen Mordfall der Gegend vor fast 20 Jahren nicht aufgeklärt zu haben. Er leidet auch an seiner Frau, die eine für den Ort viel zu elegante Damenboutique besitzt und ihn daher regelmäßig mit Hemden und Krawatten ausstattet, die zu seinem Beruf nicht recht passen wollen, da sie sich einen schlecht gekleideten Ehemann in ihrer Stellung nicht leisten zu können meint.

Sie merken schon – wir bewegen uns in einer Kleinbürgerwelt, die von Simenon gezeichnet sein könnte, so gruselig, wie manche Abende in der französischen Provinz für den fremden Reisenden sein können, der sich auf die Suche nach einem geöffneten Restaurant macht oder einer Terrasse, wo man noch ein Glas Wein trinken könnte. Aber das geht nicht, weil die Bewohner dieser Orte schon längst zu Hause vor ihrem geblümten Tapeten auf ihrem geblümten Sofa sitzen, wohin sie keinen Fremden, nicht einmal einen Schweizer, einladen…

Aber Dank des Schotten Burnet können wir wenigstens durch die Fenster in diese Wohnungen hineinschauen…

Burnet, Graeme Macrae
btb Verlag
ISBN/EAN: 9783442718078
10,00 € (inkl. MwSt.)