Der Graben

Hermann Koch ist ein böser Beobachter der holländischen Oberschicht. Ob er in „Angerichtet“ die Heuchelei im gutbürgerlichen Lehrermilieu seziert oder in „Sommerhaus mit Swimmingpool“ einen Mediziner in den Abgrund stürzt, immer zeichnen sich seine Romane durch fiese Charakterstudien von Menschen aus, die sich für reflektiert, fortschrittlich und gut halten.

In seinem neuen Buch „Der Graben“ schlüpft er in die Haut des Bürgermeisters von Amsterdam, eines gräßlich unangenehmen Vertreters der Gattung „ich bin zwar eigentlich Politiker, aber ich will keiner sein“. Der Held weiß um seine Bekanntheit und Beliebtheit bei der Bevölkerung, und genießt es natürlich, daß ihn jeder kennt, findet es aber höchst unangenehm, weil er auf gar keinen Fall als eitel gelten will. Er verachtet die Monarchie und ihre Vertreter, und er hasst nichts mehr als Empfänge und Smalltalk, ist aber leider ständig gezwungen, sich in solche Veranstaltungen zu begeben. Auf einem solchen Empfang sieht er seine Frau in eine fröhliche Konversation mit einem seiner Dezernenten, den er wegen seines grünen Gutmenschentums auf das Schönste verachtet. Und aus eigentlich unerfindlichen Gründen malt er sich nun aus, seine Frau müsse mit eben diesem Kerl ein Verhältnis haben, denn er kann sich nicht vorstellen, aus welch anderem Grund sie über eine Bemerkung des Dezernenten lachen könnte. Von nun an beobachtet er seine Frau mit Argusaugen und leitet aus jeder Regung Anhaltspunkte für und wider dieses unterstellte Verhältnis ab.

Seine Frau ist keine Holländerin, aber er will uns auf keinen Fall mitteilen, aus welchem eher südlichen Land sie stammt. Und auf diesem Hintergrund entwickelt Koch eine wirklich gemeine Analyse des Rassisten und Reaktionärs, der möglicherweise in jedem von uns steckt…

Ein wunderbar subtiles Buch, das mit nicht geringen Mengen von Genever gelesen werden sollte…

Koch, Herman
Verlag Kiepenheuer & Witsch GmbH & Co KG
ISBN/EAN: 9783462050820
20,00 €