Der Mann, der den Zügen nachsah

Einsamkeit und Freiheit – dunkel meine ich mich zu erinnern, dass das etwas mit dem Humboldt`schen Ideal des Strebens nach Erkenntnis zu tun hat, fast also einem Streben nach Wahrheit. Simenons Bücher scheinen mir immer davon zu erzählen, dass man sich noch so sehr bemühen kann, aber der  Wahrheit nicht näher kommt, der Einsamkeit dagegen schon.

„Der Mann, der den Zügen nachsah“ ist einer, der zunächst sehr von sich überzeugt ist und sich dann in einer Geschichte verstrickt, in der ihn seine Befreiungsversuche ins Straucheln kommen lassen,  eine Geschichte vom Fallen also.

Freiheit sucht man in der Regel dann, wenn man sich gefangen fühlt, real oder in Gedanken  - in einem Leben, das man nicht mehr leben möchte.  Freiheit ist nur ein Versprechen, der Weg ist das Ziel, eher Flucht als Pilgerreise, könnte man sagen. Freedom´s just another word…Sie wissen schon.

Manchmal kann ein Zug einem dieser Freiheit näherbringen, manchmal auch nur nach Nirgendwo, und Kees Popinga, Simenons Antiheld, sieht gerne den Zügen nach und stellt sich vor, welch abenteuerliche oder anrüchige Dinge vor allem in Nachtzügen geschehen mögen. Aber genauso wünscht sich manch ein Reisender beim Blick in die erleuchteten Fenster den imaginierten Frieden, das Zuhause, das er dahinter vermutet, so wie sich ein Kind an der Fensterscheibe der Konditorei die Nase platt drückt. Auch Popinga steht so dicht vor den Scheiben, hinter denen zufriedenere Menschen wohnen, wenn er sich nicht gerade eitel in ihnen spiegelt. Er sieht ohnehin gerne in den Spiegel, jedenfalls, solange er sich selbst noch einreden kann, dort einen ganz besonderen Menschen zu sehen, dessen wahre Größe bisher keiner erkannt hat.

Er ist Geschäftsführer bei einem Schiffsausstatter, und seine Aufgabe hat es ihm ermöglich, eine Frau aus besseren Kreisen zu heiraten, die er „Mami“ nennt, seit sie ihm zwei Kinder geboren hat, die er aber nicht ausstehen kann, eine pompöse Villa nach eigenen Plänen in Groningen zu bauen und außer seinem Hang zu guten Zigarren und regelmäßigen Besuchen im Schachclub keine Laster zu pflegen.

Auf einem seiner abendlichen Kontrollgänge in den Hafen muß er nun aber feststellen, dass das Schiff, das von seiner Firma ausgerüstet werden sollte, um in dieser Nacht auslaufen zu können, noch am Kai liegt, da weder Diesel noch sonstige Versorgungsgüter angeliefert wurden.

Fassunglos wird er wenig später in einer düsteren Kaschemme, die er nie betreten hätte, hätte er nicht den Firmeninhaber dort bei einem Blick durchs Fenster sitzen sehen, von diesem erfahren, dass sein Chef schon seit Jahren Gelder abgezogen hat und nun die Insolvenz nur noch eine Frage von Stunden ist. Geradezu hämisch eröffnet ihm de Coster, dass er schon sehr lange in Amsterdam eine Geliebte unterhält und kurz vor der Abreise in ein neues Leben steht, dahin, wo er sein Geld ins Trockene gebracht hat.

Was Wunder, dass Popingas fein gefügtes Spießer-Ich ins Wanken gerät, so daß er nach erheblichem Alkoholgenuß beschließt, nach Amsterdam zu fahren, um die von de Coster zurückgelassene Geliebte selbst zu beehren. Leider erweist es sich, dass ihr sein Ansinnen, nun ihre Gunst selbst in Anspruch zu nehmen, nur einen Heiterkeitsausbruch entlockt, den er nur dadurch beenden kann, dass er ihr einen Knebel in den Hals stopft…

Und wie es so schön bei Hildegard Knef hieß: von nun an gings bergab.

Es fasziniert mich immer wieder, wie es Simenon, diesem Vielschreiber, in jedem seiner Bücher – und vor allem in den Non-Maigrets – gelungen ist, präzise und ohne ein Wort zu viel den Abgrund in anfangs völlig normal scheinenden Personen zu beschreiben. Ganz leise, aber unaufhaltsam steuern sie auf ihr Unglück zu und man möchte ihnen zurufen: halt ein! Denk nach! Aber da sie das nie tun, begleitet man sie mit leicht voyeuristischem Schaudern und kann sie nicht allein lassen auf ihrer Zugfahrt in eine Hölle, die vom Gelächter über den Zusammenbruch ihres so sicher geglaubten Lebens widerhallt.

Simenon, Georges
Atlantik Verlag
ISBN/EAN: 9783455007978
12,00 € (inkl. MwSt.)