Der Verdacht

Viele Menschen denken ja, sich Kinder zu wünschen sei das natürlichste von der Welt und in jeder Frau angelegt. Das ist eine recht männliche Sicht auf die Dinge, denn Männer haben sie nicht auf die Welt zu bringen und können sich bekanntlich davonmachen, wenn es ihnen zu viel wird. Mater semper certa est war schon eine kluge Erkenntnis der Römer. Ich zum Beispiel hatte jenseits der Angst vor den Schmerzen immer auch Unbehagen bei der Idee, das Kind könnte vielleicht einfach dumm sein, unsympathisch, häßlich oder sonst trotz besten Bemühens einfach nicht liebenswert. Das ist natürlich arrogant und gemein, ich weiß, aber es soll vorkommen. „Der Verdacht“ handelt von eben diesem Problem. Die Protagonistin ist besten Willens, hat aber von Anfang an das Gefühl, dass ihr Baby sie ablehnt und nur zufrieden zu sein scheint, wenn der Vater sich kümmert. Bei ihm ist es pflegeleicht, zugewandt, zufrieden, aber in der Mutter wächst immer mehr das Gefühl, dass das Kind sie hasst und es fällt ihr entsprechend schwer, positive für ihr eigenes Kind zu entwickeln.

Selbstverständlich sucht sie die Schuld bei sich, macht sich Vorwürfe, es nicht genug gewollt zu haben, sich nicht genug zu kümmern, es nicht genug zu lieben, postpartale Depression vielleicht, wie ihr Gynäkologe meint, oder einfach ihre Unfähigkeit, ein Kind wirklich anzunehmen. Denn schon ihre Großmutter und ihre Mutter waren schwierige Frauen, die ihre Kinder nicht mochten, ablehnten, schlecht behandelten, leiden ließen. Kein Wunder also, dass sie denkt, dies sei genetisch bei den Frauen ihrer Familie, sie seien einfach anders, und ihr Kind wiederum nur ein Produkt ihrer eigenen Defizite. Sie gibt sich also Mühe.

Aber es wird nicht besser. Das Mädchen wächst heran und scheint empathielos, aber zugleich schon als Kleinkind manipulativ. Intelligent ist es, sehr sogar, aber mehr und mehr gewinnt sie die Überzeugung, das Kind sei böse. Das Ganze kulminiert, als ihre Tochter auf dem Spielplatz einem kleinen Jungen, der oben auf dem Gerüst balanciert, ein Bein stellt – der Junge stürzt ab und ist tot.

Das kann nicht sein, denkt sie, ich habe mich geirrt, unmöglich, es war ein Unfall, er ist abgerutscht…

Und so schweigt sie, zu grotesk der Verdacht, als dass man jemandem davon erzählen könnte. Dann wird sie wieder schwanger mit einem kleinen Jungen, den sie liebt vom ersten Augenblick an, der so ganz anders ist, normal, ein liebenswertes Kind… Das kann nicht gut gehen, man ahnt es….

Das Buch wurde neulich im „Stern“ als Krimiempfehlung hochgelobt, aber es ist kein Kriminalroman, eher ein Drama. Sein einziges Manko ist die Übersetzung, die ein wenig daran krankt, dass der Imperfekt in der deutschen Sprache nicht immer schön daherkommt:„Du ließest mich gehen, wandest Dich ab…“ Das klingt ein wenig gequält, aber das ist egal: man kann sich dieser Geschichte nicht entziehen.

Ich ahne allerdings schon, dass dies wieder ein Buch ist, dass Frauen mit Kindern nicht lesen wollen, obwohl gerade sie es tun sollten. Wenn Ihre Kinder also schon aus dem Haus sind oder sie keine haben, empfehle ich die Lektüre nachdrücklich.

Audrain, Ashley
Penguin Verlag Hardcover
ISBN/EAN: 9783328601449
22,00 € (inkl. MwSt.)