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Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße

Wir sind im Jahr 2019, der dreißigste Jahrestag des Mauerfalls steht vor der Tür. Alexander Landmann vom Magazin „Fakt“ braucht eine Story. Parallelen zum „Spiegel“ sind beabsichtigt. Bei Recherchen stößt Landmann in Stasiunterlagen auf die Geschichte von Michael Hartung, einem ehemaligen Reichsbahner und stellvertretenden Stellwerksleiter am Bahnhof Friedrichstraße. Hartung soll den Bolzen einer Weiche entfernt haben, wodurch 127 Fahrgäste einer S-Bahn unfreiwillig in den Westen gelangten. Hartung landete im Stasiknast. Landmann hat seine Story. Der sitzt derweil in seiner Videothek in Berlin, trinkt Bier und schaut Louis-de-Funès-Filme. Gelegentlich kommt Bernd von gegenüber und leistet ihm Gesellschaft. Kunden kommen keine. Dann steht Landmann vor der Tür, will mit Hartung sprechen. Er will die Story, die nur wenig mit dem zu tun hat, was tatsächlich passiert ist. Landmann übertreibt maßlos, zunächst versucht Hartung alles richtig zu stellen, aber Landmann lässt sich nicht beirren. Er träumt von Auszeichnungen und Anerkennung. Als er mit Geld winkt, mit viel Geld, um Hartung dazu zu bringen, zu erzählen, wird dieser schwach. Er ist pleite. Er sagt zu allem, was Landmann zu seiner angeblichen Geschichte sagt ja, dazu den Bolzen absichtlich rausgezogen zu haben, auch Folter erlitten zu haben. Er macht sie zu seiner eigenen. Die Story erscheint bei „Fakt“, Hartung auf dem Cover. Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße ist geboren. Dann entwickelt die Geschichte eine unausweichliche Eigendynamik. Talkshow mit Katharina Witt, Verlags- Werbe- und Filmrechte stehen in Aussicht. Der Bundespräsident lädt zum Abendessen. Dieser wird erfreulich hemdsärmelig als ehemaliger Eisenbahner aus dem Ruhrpott geschildert, also quasi als Kollege von Hartung. Der Präsident bittet Hartung, die Festrede zum dreißigsten Jahrestags des Mauerfalls im Bundestag zu halten. Hartung glaubt seine angebliche Heldengeschichte immer mehr. Was soll schon passieren, ist ja nur ein bißchen übertrieben. Irgendwann steht Paula in seinem Laden, sie saß in dem Zug, den Hartung in den Westen gelost haben soll. In Gegensatz zu den allermeisten anderen Fahrgästen ist sie im Westen geblieben. Sie will sich bei Hartung bedanken, er hätte ihr Leben verändert. Von da an nimmt alles einen anderen Verlauf. „Der Held vom Bahnhof Friedrichstraße“ ist eine herrliche Hochstablergeschichte, Parallen zum Fall Relotius sind offensichtlich. Der Roman macht Spaß, ist gut geschrieben, dramaturgisch überzeugend und auch durchaus spannend. Empfehlenswerte und intelligente Unterhaltung. (SG)

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Kategorie: Deutsche Literatur