Die Bierkönigin von Minnesota

J. Ryan Stradal hat es mit dem Kulinarischen. In „Die Geheimnisse der Küche des mittleren Westens“ ging es um Chili – und jetzt, wie der Titel schon sagt, um Bier.

Nun hat man als Deutscher, der jemals in Amerika das üblicherweise erhältliche Bier getrunken hat, keine hohe Meinung von eben diesem: es ist in der Regel eine Plörre, die noch nicht einmal den Effekt hat, halbwegs betrunken zu machen, weshalb ich mich immer frage, wie es den Betroffenen in Film, Fernsehen und Literatur gelingt, mittels eines Sixpacks einen merkbaren Rausch zu erzielen.

Wie auch immer: möglicherweise ist die schlechte Qualität der üblichen Abfüllungen der Grund, warum in den USA der Hype um die Craft-Biere entstand, und um eben solche geht es nun in diesem Buch.

Aber Bier allein erzählt natürlich keine Geschichte, da müssen schon Menschen ran. Und Stradals Personal ist immer hochsympathisch und gut gezeichnet. Bei den „Geheimnissen der Küche des mittleren Westens“ war die Heldin eine junge Frau, die auch das allerschärfste Chili problemlos zu sich nehmen konnte und trotzdem (was ein wenig unlogisch ist) einen sehr feinen Gaumen hatte.

Diesmal haben wir es mit Helen zu tun, die schon mit 15 weiß, dass sie nur eines im Leben interessieren wird, nämlich Bier und wie man es herstellt. Eine Neigung, die weder bei ihren Eltern noch bei ihrer älteren Schwester Edith auf großes Verständnis stößt.

Ein paar Jahre später - Edith ist schon verheiratet und hat die Familienfarm verlassen  - bringt Helen ihre Eltern dazu, ihr die Farm zu überschreiben, damit sie durch die so erzielte Solvenz eine Brauerei übernehmen kann. Ihre Leidenschaft für Bier wurde nämlich dadurch befeuert, dass sie auf dem College Orval Blotz kennen- und lieben lernt, dessen Eltern  - na, was wohl? – eine solche haben.

Allerdings ist Helen bei diesem schönen Plan sehr wohl bewußt, dass sie auf diese Weise ihre Schwester Edith um ihren Erbteil bringt, tröstet sich aber mit dem Gedanken, dass sie Edith in den nächsten Jahren natürlich auszahlen wird. Aber Pläne sind bekanntlich so eine Sache. Jedenfalls macht sie Blotz-Bier (unsereins würde es schon wegen des Namens nicht trinken wollen) berühmt und sich selbst ziemlich reich, während Edith nach dem Tod ihres Mannes in einem Altersheim gegen sehr geringes Gehalt die besten Apple-Pies der Gegend backt. So gut sind die, dass die Besuchszahlen bei Onkeln und Tanten sehr zur Verblüffung der alten Herrschaften erheblich zunehmen. 

Lassen Sie sich von meinem ein ironischen Ton nicht irritieren – ich mag Stradals Bücher durchaus, sogar sehr. So wie Apfelkuchen mit Schlagsahne oder selbstgekochte Marmelade, die Bohnensuppe meiner Oma  und die Spatzen in meinem Garten.

Stradal  beherrscht die Klaviatur solch guter Gefühle meisterhaft – Sie wollen sofort nach Minnesota reisen und sich dort durch die Craftbeer-Kneipen trinken, die Leute kennenlernen, die dort herumsitzen und vergessen, dass es so etwas wie das Phänomen Trump gibt.  Das gute Amerika, da ist es, auch wenn ich fürchte, dass die Meisten derer, die in den Schankstuben anzutreffen sind, Trump eben doch gewählt haben.

Aber bei der Lektüre dieses Buches, das ich für  Spätsommernachmittage im Garten sehr empfehle, kann man die unschönen Seiten der Welt für eine Weile hinter sich lassen.

Stradal, J Ryan
Diogenes Verlag AG
ISBN/EAN: 9783257300598
18,00 € (inkl. MwSt.)