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Die Skrupellosen

heißt der neue Roman von Sadie Jones, und ich tue jetzt gerade so, als hätte ich schon einmal etwas von ihr gelesen. Habe ich nicht, und das scheint mir ein Versäumnis zu sein.

Im englischen Original lautet der Roman„The snakes“, und das ist erheblich passender als der deutsche Titel. „Schlangennest“ hätte man ihn nennen können,  denn es kommen eine Menge Schlangen vor, echte und metaphorische.

Bea arbeitet als Sozialtherapeutin. Sie nicht besonders gutaussehend, was ihr durchaus bewußt ist, und ihre Kleiderwahl könnte man auch diskutieren. Insofern verblüfft es sie, dass gerade Dan, ein unglaublich gutaussehender, aber brotloser Künstler sich in sie verliebt, so sehr, dass sie tatsächlich heiraten und durchaus glücklich in einer kleinen Bude zusammenleben. Obwohl er – wenn auch widerwillig – sein Geld als Immobilienagent verdient, finden sie in dem mehr und mehr gentrifizierten London keine bessere Bleibe, und auch die nur, weil sein weißer Vater, der seine schwarze Mutter nur kurz geschwängert hatte, um danach zu verschwinden, 10.000 Pfund gespendet hat als Einstandszahlung für den Kauf.  Aber sie haben noch ein kleines, erspartes Polster, und so beschließen sie, eine dreimonatige Auszeit zu nehmen, durch Europa zu reisen, nach Paris, nach Rom, nach Madrid, überall dorthin, wo es genug Kunst zu bestaunen gibt, die Dan vielleicht eine Inspiration bringen könnte, wieder mit dem Malen anzufangen.

Da erreicht sie die Einladung ihres Bruders Alex, dem die Eltern ein Hotel gekauft haben in Frankreich, in der Nähe von Beaune, als eine Art Beschäftigungstherapie für seine frühere Drogensucht. So erfahren sowohl der Leser als auch Dan, dass Beas Eltern geradezu unanständig reich sind – der Vater ein Immobilientycoon, der in London ganze Straßenzüge gekauft und saniert hat, die Mutter eine schöne, neurotische Dekoration…

Nur hat Alex bisher nichts angefangen mit diesem Hotel, er lebt dort nach wie vor allein in diesem riesigen Haus, ohne Gäste, nur mit vielen angefangenen kleinen Renovierungsprojekten. Ein Träumer, der seine einsamen Nächte mit dem Studium von Simone Weil verbringt und Schlangenhäute an die Wand seines Zimmers drapiert.

Trotzdem ist Bea glücklich, ihren älteren Bruder wiederzusehen, der eine seltsame Neigung zu den Schlangen hat, die das Grundstück und das Haus zahlreich bevölkern, harmlos zwar, aber doch beunruhigend. Eigentlich könnte dieser Besuch, wenn man sein Unbehagen zur Seite schöbe, ein schöner Zwischenstop ihrer Reise werden, stünden nicht zu allem Übel plötzlich ihre Eltern vor der Tür. Dan kann es schwer begreifen, dass sie beiden gegenüber mehr als reserviert ist, und ihr karger Lebensstil offenbar das Resultat ihrer Verachtung für den Reichtum ihrer Eltern ist. Mehr noch: sie hasst ihre Mutter, denn als Kind musste sie mit ansehen, dass ihre Mutter zu Alex eine inzestuöse Beziehung hatte, die offensichtlich der Grund für alle seine psychischen Probleme ist.

Und dann geschieht das Unglück: Alex fährt weg, um für seinen Vater eine Erledigung zu machen, und auf dem Rückweg stirbt er bei einem Autounfall. So sieht es zumindest am Anfang aus.

Die französische Polizei beginnt zu ermitteln, und hat offenbar Dan im Verdacht, weil auf einer Überwachungskamera einer Tankstelle zu sehen ist, dass Alex in der Nacht vor dem Unfall nicht allein war, sondern in Begleitung eines Mannes, den man für einen Schwarzen halten könnte. Dan wir ausführlich befragt, auf ausgesprochen beleidigende Weise, denn was liegt für einen leicht rassistischen Polizisten näher, als dass ein Schwarzer aus nicht gerade besten Verhältnissen eine so unscheinbare Frau wie Bea nur heiratet, weil ihr Vater so reich ist?

Natürlich ist Dan verletzt, weil Bea ihm so viel vorenthalten hat, und auch wenn er sich die größte Mühe gibt, sich von der Idee des Geldes nicht korrumpieren zu lassen, von den Versuchen des Vaters, ihn als Vermittler gegenüber seiner Tochter auf seine Seite zu ziehen, nagt es an ihm, dass Bea sich so strikt weigert, auch nur die geringste finanzielle oder andere Hilfe von ihrem Vater anzunehmen. Und auch ihr kommen Zweifel, was Wunder, fragt sie doch ihr Vater, wie sie denn glauben könne, ein häßliches Entlein wie sie würde von einem so schönen Mann geliebt… Skrupel, und daher mag der Titel rühren, kennt er in der Tat keine, nicht einmal seinen eigenen Kindern gegenüber.

Sadie Jones gelingt es, mit sehr subtilen Mitteln die Brüche in dieser Familie zu zeichnen, die Abgründe, die sich auftun, wenn man nicht miteinander redet, die Abgründe zwischen unvorstellbarem Reichtum und dem zermürbenden Alltag der nicht so Gesegneten, und die Gefahren, die in diesen Abgründen lauern.

Kein „schönes“ Buch also, aber ein sehr lesenswertes.

 

 

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