Die Stimmen der Straße

Auch wenn Ihnen im ersten Moment der Name Philip K. Dick nichts sagen, so erinnern Sie sich sicher an „Blade Runner“ oder „Minority Report“. Dick (1928 bis 1982) war einer der ganz großen Science-Fiction-Autoren Amerikas, wie kaum ein anderer analysierte er die Struktur der amerikanischen Seele und sah voraus, welche Gefahren der amerikanische Traum in sich birgt.

Schon 1953 hatte er die „Stimmen der Straße“ abgeschlossen, die erst 2007 posthum in Amerika und vor wenigen Jahren in Deutschland veröffentlicht wurden. Und nun unter Trump kann es nicht schaden, dieses Buch wieder zu lesen:

1953 ist die Zeit von McCarthy, der Angst vor dem Kommunismus, des Korea-Kriegs, auch der Furcht, die Konfrontation mit den Russen könnte einen Atomkrieg entfesseln, der die ganze Welt in den Abgrund bombt. Es ist aber auch die Zeit der technischen Entwicklung im Allgemeinen, der immer größer werdenden Fernseher, der Küchenmaschinen, die jede amerikanische Hausfrau haben muß, des Kettenrauchens und Martini-Trinkens, und, wie immer in Amerika, der Zeit der falschen Propheten und Erweckungsprediger.

Stuart Hadley ist ein gutaussehender, eitler und vielversprechender junger Mann, der mit seiner schwangeren Frau in einem Vorort von San Francisco lebt und bei „Modern TV Sales and Service“ angestellt ist. Sein Chef ist eigentlich ganz in Ordnung, er schätzt ihn durchaus, sein Gehalt erlaubt ihm zwar keine großen Sprünge, aber 7 ordentliche Anzüge mit feinsten Hemden, die seine Frau für ihn überaus sorgfältig in Ordnung hält.

Allerdings hält er sich für zu Höherem geboren, auf der High School hat er ein wenig gemalt. Seine Unzufriedenheit mag aber schlicht dem Umstand geschuldet sein, daß man sich mit Anfang zwanzig, einer hochschwangeren Frau und umgeben von Fernsehgeräten und dummen Kunden gefangen fühlt in unsäglicher Banalität und den Drang verspürt, all dem zu entfliehen.

Seine besten Freunde aus der High School sind ein  jüdisches, sehr intellektuelles, aber auf Äußerlichkeiten nicht im geringsten achtendes Ehepaar (die sich, selbst wenn sie wollten, seine gebügelten Anzüge nicht leisten könnten, vermutlich), und über sie lernt er eine Frau kennen, Martha, die zum einen mit den Ideen eines Predigers sympathisiert, der den Weltuntergang prophezeit, und zum anderen eine Zeitschrift „Succubus“ herausbringt – ein künstlerisch sehr wohlgestaltetes, aber faschistoides Machwerk.

Hin und hergerissen zwischen seinen bürgerlichen Verpflichtungen, seiner Scham ob seines so belanglosen Lebens und der Faszination für die ungebundene Radikalität, die Martha zu verkörpern scheint, begibt sich Stuart auf eine sehr abschüssige Straße….

Dieses Buch hat einen gewaltigen Sog, und es zeigt einmal mehr, daß man wieder öfter die Science Fiction der 50er und 60er Jahre lesen sollte – wir wären dann vielleicht weniger überrascht über die Welt, an der wir heute leiden. Und ein wenig wütender darüber, daß wie immer keiner auf die Dichter gehört hat.

In der amerikanischen Literatur, wie auch im Film, finden wir ja öfter das Bild des Mannes, der scheinbar aus heiterem Himmel die Fassung verliert, ausbricht, Amok läuft – hervorragend beschrieben übrigens auch in Richard Yates „Ruhestörung“, die ich hiermit ebenfalls dem geneigten Leser sehr ans Herz legen möchte.

 

Dick, Philip K
Liebeskind Verlagsbuchhandlung
ISBN/EAN: 9783935890724
22,00 € (inkl. MwSt.)