Ein frommer Mörder

Schottische Krimis liebe ich. Ob sie von Ian Rankin stammen oder von Stuart MacBride, um nur zwei der bekanntesten Autoren zu nennen, immer sind die Helden wunderbar lebensecht, sie trinken reichlich, rauchen wie die Schlote und haben ein erstaunlich gutes Verhältnis zum ortsansässigen Gangsterboss. Wobei das nicht einmal so erstaunlich ist, wenn man genauer hinsieht: Polizisten und Verbrecher bewegen sich schließlich in denselben Kreisen und müssen miteinander auskommen. Das kennt man ja schon aus „M- eine Stadt sucht einen Mörder“: wenn das fein austarierte Gleichgewicht zwischen Ermittlern und Verbrechern von einem gestört wird, der sich nicht an die Regeln hält, bekommt der Inspector schon einmal Unterstützung aus der Unterwelt.

In den späten 60er Jahren geht in Glasgow ein Serienkiller um, der Frauen in Tanzlokalen abschleppt und umbringt, wobei die Inszenierung der Tatorte dafür spricht, dass man es mit einem religiösen Fanatiker zu tun haben könnte. Da die Mordkommission auch nach mehr als einem Jahr und umfangreichsten Ermittlungen kein Stück weiterkommt, entsendet die Polizeiführung den Highlander D.I. Duncan McCormack mit dem Auftrag, die Arbeit zu überprüfen und gute Gründe zu finden, den Fall einzustellen, damit nicht noch mehr Geld sinnlos verschwendet wird. Damit machen sie weder McCormack glücklich, der eigentlich aus dem Einbruchsdezernat kommt und gerade kurz davor steht, dem ortsansässigen Gangsterboss endlich das Handwerk zu legen, noch die Kollegen von der Mordkommission, die ihn als Aufpasser empfinden und ihm daher tunlichst das Leben schwer machen.

Aber auch die Chefetage ist nicht zufrieden, denn McCormack findet, fast gegen seinen Willen, neue Spuren, es scheint ihm, als gäbe es doch ein Muster bei diesen Morden: alle Tatorte weisen einen Bezug zur Lebensgeschichte der schottischen Königin Mary auf…

Mit der Zeit gelingt es ihm, D.S. Goldie, der ihn anfangs abgrundtief gehasst hat, auf seine Seite zu ziehen, und gemeinsam kommen sie tatsächlich voran. Das glauben sie zumindest, bis ein neuer Verdächtiger auftaucht, der bis dato allerdings nur als begabter Safeknacker bekannt war, aber am Tatort des vierten Mordes gesehen wurde. Schon bald jedoch sind die beiden davon überzeugt, dass man ihm diese Tat nur in die Schuhe schieben wollte.

McCormack hat noch ein anderes Problem: er ist schwul, und das kann man sich als Polizist in den 60ern in Schottland wahrlich nicht leisten…

Liam McIlvanney stammt, wie sein Name schon sagt, aus Schottland und lehrt nun als Professor für Schottland-Studien in Neuseeland. Dass er von der schottischen Geschichte etwas versteht, ist seinem Buch sehr zugute gekommen, und der Leser lernt hier viel. Vor allem aber ist sein Roman perfekt konstruiert, es gibt trotz mehrerer Handlungsstränge keine losen Enden, seine Figuren meint man wirklich zu kennen, man folgt ihnen durch die heruntergekommenen Viertel einer sich damals radikal verändernden Stadt, in der man sehr hart ums Überleben kämpfte, und sieht einen Film vor sich, so gut sind die Szenerien beschrieben.

Kaufen Sie sich also eine Flasche Glen Grant, rücken Sie einen bequemen Sessel vors Fenster und nehmen Sie sich eine Weile nichts anderes vor. Es lohnt sich.

McIlvanney, Liam
Heyne, Wilhelm Verlag
ISBN/EAN: 9783453440937
14,99 € (inkl. MwSt.)