Eine ganze Welt

das ist jedes Kind, zumindest für chassidische Juden. Wer „Die Hochzeit der Chani Kaufmann“ mochte oder in „Unorthodox“ von Frau Feldmann in die geschlossene Gesellschaft eines besonders strenggläubigen ultraorthodoxen Teils der Chassidim geführt wurde, der sollte unbedingt auch den neuen Roman von Goldie Goldbloom lesen. Auch Surie, ihre Heldin, lebt wie einst Debora Feldmann in Williamsburg, einem Stadtteil von New York, der eine sehr eigene „ganze Welt“ ist.

Suries Mann Yidel ist ein Künstler im Fertigen von Thorarollen, sanft und liebenswert. Mit ihm, ihren Schwiegereltern, einer ihrer Töchter und unzähligen Enkeln lebt sie zusammen in einem etwas heruntergekommenen Haus, das nicht gerade praktisch ist, aber es ermöglicht, dass man sich als Großfamilie umeinander kümmern kann. Was vor allem bedeutet, dass Surie sich um alle kümmern muß und an jedem Sabbat in ihrem Wohnzimmer so viele Menschen bekocht, wie gerade noch hineinpassen. Als Matriarchin sorgt sie für alle außer für sich selbst.

Trotz all dieser Belastungen ist sie glücklich in diesem Leben, eigentlich, glücklich auch mit ihrem Mann, den sie heiratete, als sie 16 war, und aus dieser selbstverständlich arrangierten Ehe ist echte Liebe erwachsen Aber nun geschieht etwas Unaussprechliches: sie merkt, dass sie, die doch schon lange Großmutter ist, mit 58 noch einmal schwanger wird. Zu allem Übel erwartet sie Zwillinge.

Das ist ein Skandal, wenn es herauskommt, das weiß sie, denn zwar ist es die Hauptaufgabe chassidischer Frauen, so viele Kinder wie möglich zu gebären, aber nicht einfach nur so zu Spaß Sex zu haben. Alles Geschlechtliche findet im Dunkeln statt, man spricht nicht darüber, man hat keinen Namen dafür. Daß man in ihrem Alter noch mit dem Ehemann schläft, ist unvorstellbar, beschämend. Ekelhaft findet ihre Tochter, der sie sich sehr spät offenbart, schon den bloßen Gedanken. Sie sagt es also niemandem außer der Hebamme und den Ärzten, die ihr alle zur Abtreibung raten, oder wenigstens zu einer Fruchtwasseruntersuchung. Viel zu riskant ist eine so späte Schwangerschaft für sie und für die Ungeborenen.

Aber Abtreibung ist Sünde, Kinder sind immer ein Geschenk, das man freudig empfangen muß. Hin und her gerissen zwischen dem Wissen, dass diese Schwangerschaft eigentlich nicht gut gehen kann, ihrer Scham und dem religiösen Gebot kann sie nicht einmal mit ihrem Mann darüber sprechen, der ihren wachsenden Leibesumfang ihrer Vorliebe für Kuchen zuschreibt.

Der Konflikt läßt aber auch etwas aufbrechen in dem engen Korsett der Regeln, nach denen sie bisher aus voller Überzeugung lebte. Sie beginnt sich zu fragen, ob Schweigen nicht manchmal doch ins Unglück führt, so wie damals, als sie ihren Sohn Lipa, ihr Lieblingskind, verraten hat. Denn er war schwul, was ebenso unmöglich und unaussprechlich war in der Gemeinde, und er starb, drogensüchtig und allein in Los Angeles.

Bei ihren Besuchen im Krankenhaus bittet die Hebamme Val sie, für jüdische Frauen zu dolmetschen, die nur Jiddisch sprechen und jenseits der Sprachbarriere ohnehin große Schwierigkeiten haben, körperliche Dinge zu benennen. Sie werden zwar dauernd schwanger, wissen aber nicht, was dabei in ihrem Körper vorgeht. Es gibt nicht einmal einen Namen für „Gebärmutter“. Surie entdeckt an sich nun ihre Fähigkeit, diese Frauen zu beruhigen, ihnen da helfen zu können, wo es eine Goyta nicht vermag. Sie wird neugierig, wissbegierig, möchte noch einmal etwas anderes tun als sich nur um ihre Familie zu kümmern, zu kochen, die Enkel zu versorgen, Regeln zu befolgen. Sie beginnt eine Ausbildung zur Hebamme, sie liest, sie fährt jeden Tag in die Stadt ins Krankenhaus, das sie plötzlich als Ort der Freiheit empfindet. Dass diese veränderte Surie ihrer Familie nicht gefällt, liegt auf der Hand…

Anders als in „Unorthodox“, aber ähnlich wie bei Chani Kaufmann legt dieses Buch zwar den Finger auf die Wunde des Schweigens und der Starrheit der vor allem von Männern gemachten religiösen Regeln, aber es zeigt auch die positive Seite dieses so völlig von der Gemeinschaft geprägten Lebens: es fängt einen auch auf, es beschützt, es ist liebevoll. Gefährlich ist nur die Welt da draußen, die für die jungen Gemeindemitglieder allerdings immer interessanter wird.

„Unorthodox“ war ein fesselnder Erlebnisbericht, „Eine ganze Welt“ ist darüber hinaus wirkliche Literatur.

Goldbloom, Goldie
Hoffmann und Campe Verlag GmbH
ISBN/EAN: 9783455009019
24,00 € (inkl. MwSt.)