Fast hell

heißt das neue Buch von Alexander Osang, den ich sehr mag. Was natürlich Quatsch ist, ich mag seine Artikel im „Spiegel“ und diesen Roman, Osang kenne ich ja leider nicht persönlich.

Hell sind die Nächte in Sankt Petersburg im Sommer, die „weißen Nächte“, und Osang macht mit seinem alten Freund Uwe und dessen Mutter eine kurze Kreuzfahrt dorthin, weil er den Auftrag hat, ein Buch zu schreiben, dass uns Westlern die Menschen aus dem Osten verständlicher machen soll.

In Zeiten, in denen alle auf ihre Identität pochen und ihren Individualismus, mag es nicht schaden, wenn man sich um Verständnis bemüht, und einer der schönen Aspekte dieses Buches ist, dass es Osang bei dem Gedanken, alte Unterschiede zu beschreiben, höchst unwohl ist.

Wieviel wahr ist an diesem Buch und wieviel Konstruktion, weiß man nicht genau, und Osang weiß es auch nicht, aber das ist auch egal.

Uwe ist schwul, glatzköpfig und ein bißchen dick, aber höchst charmant, ein brillanter Erzähler und Charmeur, weltläufig und extrem sprachbegabt. Russisch spricht er perfekt, Polnisch halbwegs, Chinesisch hervorragend und Englisch sowieso, denn er hat die Sprachen vor Ort gelernt, in all diesen Ländern hat er gelebt, zuerst in denen, die man in Zeiten der DDR bereisen durfte, und später dann in Amerika, wo er noch dazu das Glück hatte, in einer Lotterie ein Townhouse in New York zu gewinnen.

Es fließt viel Wodka nachts an der Bar der „Alexandria“, während die beiden sich unterhalten. Man erfährt auch viel über Osang, der ebenfalls lange in New York lebte und zuletzt in Israel, bevor er zurück kam in seine Heimatstadt Berlin.

Der Abschnitt, den ich am eindrücklichsten fand, ist der, in dem Osang erzählt, dass man als Ostdeutscher nicht davon träumte, die Segnungen des westdeutschen Rechtssystems zu erleben, das Grundgesetz, die parlamentarische Demokratie, ach was: die Welt wollte man sehen, in die Länder reisen, deren Musik man heimlich aufgenommen hatte, Bruce Springsteen, Simon & Garfunkel, den Central Park besuchen, mit der Harley auf die Highways…. Das unterscheidet uns also nicht wirklich, den Wessie und die Ossie, denn auch wir wollten ja immer dahin, als wir AFN hörten, weil die deutschen Sender nur Rentnermusik spielten, und wir nicht ahnten, dass einmal einer wie Trump Präsident werden würde.

Und wenn er selbst sein Experiment mehr oder weniger für gescheitert hält: nach der Lektüre dieses Buches weiß man erheblich mehr: über Wahrheit und Geschichten, darüber, wie man wurde, wer man ist, und dass man sich darüber nie zu sicher sein sollte.

Osang, Alexander
Aufbau Verlag GmbH & Co. KG
ISBN/EAN: 9783351038588
22,00 € (inkl. MwSt.)