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Frauen im Hunsrück

Es hat sich viel getan seit den 80er Jahren, so scheint es. Hätten Sie gewusst, dass erst 1977 mit dem Gleichberechtigungsgesetz den Frauen erlaubt wurde, ohne die Zustimmung ihres Mannes eine Arbeit aufzunehmen? Kaum zu glauben, aber wahr. Natürlich erinnern sich die Älteren unter uns daran, dass jedenfalls in den 60ern die Frau noch an den Herd gehörte und am Sonntag der Familie Jacobs Krönung servierte, dass Clementine uns beibrachte, wie man die Wäsche richtig weiß bekam und dass man abends den Gatten mit einem fröhlichen Gesicht und einem warmen Essen empfangen musste, sollte, wollte… Und dass man möglichst auch noch gut aussah dabei.

Nun ja, heute gibt es reichlich Bücher darüber, dass Frauen aus der Mehrbelastungsfalle ausbrechen sollten, dem Perfektionswahn abschwören, sich nicht mehr schämen sollten, wenn ihr Körper aus der Form gerät – woraus man wiederum schließen kann, dass wir doch noch nicht so weit sind, wie wir gerne glauben möchten.

Wie auch immer – „Lügen über meine Mutter“, das neue Buch von Daniela Dröscher, führt uns zurück in andere Zeiten und auf´s Dorf, noch dazu in den Hunsrück, der ja nie zu den fortschrittlichsten Gegenden Deutschlands zählte.

Die Mutter der Heldin ist dick. Wie dick genau, ist egal, jedenfalls zu dick für den Vater, der ihr vor allem dann eine neue der vielfältigen bekannten Diäten aufzuzwingen versucht, wenn ein Dorffest ansteht. Denn er schämt sich für sie und will sie nur mitnehmen,  wenn sie bis dahin ordentlich abgenommen hat. Im Laufe der Geschichte wird allerdings klar, dass seine ständige Mißachtung weniger an ihrer Figur liegt, sondern ganz andere Gründe hat. Dass sie aus Polen kommt, dass sie intelligenter ist als er, dass ihre Eltern mehr Geld haben als seine, dass sie es schafft, ihm eine Ausbildung abzutrotzen, dass sie mehr Disziplin und Willenskraft hat als er…

Trotzdem flieht sie nicht aus dieser unglücklichen Ehe, sondern nimmt alle Lasten auf sich, die ständig krittelnde Schwiegermutter, die Demenz der eigenen Mutter, den beruflichen Misserfolg des Mannes, seinen Drang, etwas darzustellen im Dorf. Man möchte ihr dauernd zurufen: nun geh doch, wehre Dich, verlass ihn! Aber sie tut es nicht, sie frisst sich einen Panzer an, hinter dem sie ihre Stärke versteckt.

Dröscher setzt ihren Roman aus zwei Strängen zusammen – der wahren Geschichte,  als Wiedergabe langer, erst sehr spät mit der Mutter geführten Gespräche – und der Fiktion, mit der sie dem Ganzen eine über das biografische hinausgehende Bedeutung verleiht, in der viele Frauen sich selbst oder ihre Mütter und Großmütter erkennen können, manchmal sicher mit einem Gefühl des Erschreckens. War es wirklich so?  Ja, so war es. Und es ist noch nicht vorbei.

 

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