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Frauen im Wald

Cloris ist seit 54 Jahren mit ihrem Mann verheiratet, den sie immer nur Mr. Waldrip nennt, wenn sie von ihm spricht. Warum, kann man nur vermuten, vielleicht, weil sie, obwohl sie eigentlich immer ein eigenständiges Leben an seiner Seite geführt hat, nie die Distanz zu ihm verlor. Den ihre Eigenständigkeit war ihr Geheimnis, ihm gegenüber und nach außen hielt sie es wie die meisten Frauen ihrer Generation: man richtet sich nach dem Ehemann und denkt sich ansonsten sein Teil.

Nun aber hat Mr. Waldrip die Idee, ihren Hochzeitstag mit einem Ausflug in die Berge zu begehen, und an den erwählten Ort kommt man nur per Flugzeug. Nicht, dass Cloris von diesem Gedanken begeistert gewesen wäre, aber sie fügt sich darein, um diese Zustimmung sehr bald zu bereuen, denn das Flugzeug stürzt ab.

Wundersamerweise überlebt sie den Absturz, während der junge Pilot schwerverletzt in seinem Sitz hängt und Mr. Waldrip sehr weit oben und sehr tot in einem Baum. Tun kann man nichts, und so harrt Cloris neben dem Piloten aus, bis er stirbt, und schafft es dann tatsächlich, mit dem Funkgerät einen Hilferuf abzusetzen, der zufällig von der Rangerin Lewis gehört wird. Lewis nun hat es auch nicht ganz freiwillig in den Wald verschlagen, sie ist, wie sich später herausstellt, auf der Flucht vor ihrer Vergangenheit, besser gesagt: der Erinnerung an ihre Ehe, und diese Erinnerung bekämpft sie mit stetem Konsum von billigem Merlot, den sie in ihrer Thermoskanne immer mit sich führt und in Mengen zu sich nimmt wie andere Kaffee.

Lewis möchte sich nun auf die Suche nach Cloris machen, unterstützt zunächst von einem zur Hilfe abgeordneten Agent Bloor, der gleich noch seine halbwüchsige Tochter mitbringt, sehr seltsame Angewohnheiten hat und bei der Expedition eher hinderlich denn nützlich ist, zumal er ein über das rein Dienstliche hinausgehendes Interesse an Lewis entwickelt. Auch das weitere Personal der Rangerstation hat den ein oder anderen Spleen, der die Lektüre, trotz der tragischen Grundsituation, sehr unterhaltsam, ja komisch macht. Die beteiligten Herren der Schöpfung sind also nicht besonders nützlich, aber Lewis gibt nicht auf, obwohl alles dafür spricht, dass eine alte Dame in der Wildnis nicht überlebt haben kann.

Aber Cloris überlebt sehr viel besser, als sie selbst erwartet hat, denn sie hat einen heimlichen Helfer, der ihr immer wieder etwas zu essen vor ihr Lager legt – Essen allerdings, das gewöhnungsbedürftig ist – aber Cloris lernt schnell, jede Art von Kleintier zu braten und ab und zu sogar einen Fisch zu fangen. Und während sie immer ausgefeiltere Überlebensstrategien entwickelt, wächst auch ihr Selbstbewußtsein und die Erkenntnis, dass zu Hause eigentlich nichts und niemand auf sie wartet. Möchte sie wirklich, so fragt sie sich, zurückkehren zu den älteren Damen, mit denen sie früher zu tun hatte? Zum sonntäglichen Gottesdienst und den Strickkränzchen?

Das Buch erschien schon vor zwei Jahren im Hardcover und im Frühjahr nun im Taschenbuch, und bis dato hatte ich von seinem jungen Autor Rye Curtis noch nie etwas gehört, wie denn auch, denn dieser Roman ist sein Debüt. Dass es einem so jungen Mann gelingt, sich hervorragend in das Seelenleben zweier älterer Frauen hineinzudenken, ist mehr als beeindruckend. Man verzeihe mir also, dass ich so spät komme mit meiner Empfehlung für diese wunderbare, skurrile und liebevolle Geschichte.

Roman, Pocket
Einband: kartoniertes Buch
EAN: 9783036961323
15,00 €inkl. MwSt.

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