Hagard

Hagard heißt der neue Roman von Lukas Bärfuss, und im Buch selbst erschließt sich dieser etwas kryptische Titel nicht. „Hagard“ nennt man einen Beizvogel, der zur Zeit der Gefangennahme das Alterskleid trägt, eine Bedeutung, die einen auf den ersten Blick auch nicht weiter bringt, und auf französisch bedeutet es „scheu, wild, störrisch, verstört“.

Und verstört ist der Held des Romans, verstörend das Buch, keine Lektüre also, wenn man gerade ein wenig deprimiert ist. Philip, der Protagonist, verdient nicht schlecht mit Immobiliengeschäften, und eigentlich muß er am übernächsten Tag auf die Kanaren fliegen, um dort einer Gruppe von Rentnern Wohnungen für ihr Altenteil zu verkaufen, für die Flucht in die Sonne.

Nun aber muß er eigentlich erst einmal bei seiner illegalen Tagesmutter seinen kleinen Sohn abholen, noch eine Stunde hat er Zeit, und sieht, während er noch in der Innenstadt überlegt, was er mit dieser Stunde anfangen kann, zunächst ein paar Schuhe, blaue Ballerinas, und dann für einen kurzen Moment die Gestalt der Frau, die sie trägt. Und geht ihr nach, einem Impuls folgend, ohne zu wissen warum eigentlich. Was als eine Art sportliches Spiel beginnt, wird langsam zu einer Obsession, denn er läßt alle Termine fahren, und geht ihr nach, sieht, daß sie einen Pelzmantel abholt, fragt sich, was sie damit will, möchte es herausfinden, möchte sie ansprechen, wagt es aber nicht, und folgt ihr immer weiter, bis in den Vorort, in dem sie zu wohnen scheint, wartet die ganze Nacht vor ihrem Haus, bis sie morgens wieder herauskommt. Noch ist er mit der Welt verbunden durch sein Mobiltelefon, das aber nur 10 % Batterieleistung hat, hat sein Auto stehengelassen mit seinem Geld, noch ein paar Münzen in der Hosentasche, kaum genug für einen hastigen Kaffee am morgen, immer ihr nach…

Es ist die Geschichte eines Absturzes, zunächst erinnert es an Joshua Ferris`“Ins Freie“, diesem Roman, in dem ein angesehener Anwalt von einer seltsamen Krankheit befallen wird, die ihn dazu zwingt, plötzlich aufzustehen, mitten aus dem Gerichtssaal, einer Besprechung, egal, und zu laufen, ins Freie, bis er erschöpft zusammenbricht. Es hat auch etwas von Oblomow, man hat diesen Drang, ins Buch hineinspringen zu wollen und diesem Mann zu sagen: „Was tust Du da, hör auf damit, werde wieder vernünftig, steh auf und kehre zurück ins Leben“- aber es nützt nichts.

Der Erzähler dieser Geschichte kommentiert manchmal, als beobachte er ein wissenschaftliches Experiment, erstaunt, auch er, scheint es, hätte etwas tun können, aber nein: Wir sehen einem sinnlosen Untergang zu, fasziniert und machtlos.

Wie gesagt: kein Buch für graue Tage. Man muß es im Sommer lesen.

Bärfuss, Lukas
Wallstein Verlag
ISBN/EAN: 9783835318403
19,90 €