Happy End

Frau Nothomb führt uns in letzter Zeit gerne in leicht verrückte Familienkonstellationen. Das war schon so bei „Töte mich“, und auch in „Happy End“ lernen wir Figuren kennen, die einer sehr altmodischen Szenerie entstammen, voller französischer Blumentapeten und Samtsesseln.

Die Protagonisten könnten gegensätzlicher nicht sein: da ist Diodat, das Gottesgeschenk, der schon als Baby so häßlich ist, daß nur die Eltern darüber hinwegsehen können, und der verständlicherweise in der Schule sehr unter seinem Namen zu leiden hat. So häßlich ist der Junge, daß es jeglicher Beschreibung spottet, und das wächst sich auch nicht aus, als er älter wird. Aber dafür ist er mit einer umso höheren Intelligenz ausgestattet, die es ihm allerdings auf den ersten Blick im Leben nicht leichter macht. Als dadurch recht einsames Kind entwickelt er eine Vorliebe für Vögel, die er für die perfekte Spezies hält: schön, anmutig, mit der Fähigkeit des Gesangs begabt, und dann noch fliegend – wahre Götterboten also.

Und dann gibt es noch Trémière, das schönste Mädchen, das man sich vorstellen kann. Sie wächst bei ihrer Großmutter auf, die ein Geheimnis hat, das hier nicht enthüllt werden soll. Ihr Fluch ist es, daß vollkommene Schönheit gerne mit Dummheit assoziiert wird, und sie scheint auch alles zu tun, um dieses Vorurteil zu beweisen. Sie redet kaum und kann stundenlang einen Gegenstand oder Menschen beobachten, ohne sich zu rühren. In der Schule ziehen ihre Klassenkameradinnen um sie herum einen Kreidekreis und verbieten ihr, ihn zu verlassen. Und so bleibt sie darin sitzen und säße da wahrscheinlich noch heute, hätte ihre Lehrerin sie nicht irgendwann herausgezerrt.

Nun, dieser Roman trägt den Tiel „Happy End“. Und ein solches hat er auch. Sehr beruhigend.

Nothomb, Amélie
Diogenes Verlag AG
ISBN/EAN: 9783257070422
20,00 € (inkl. MwSt.)