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If you´re going to San Francisco

Es ist ziemlich lange her, dass ich in San Francisco war. Es gibt ja diese magischen Orte, die man einmal im Leben sehen will, weil wir schon in unserer Jugend Bücher hatten wie „Die sieben Weltwunder“, „Architektonische Meisterwerke“ oder wie sie alle hießen, und die Filme erst – der große Brand von San Franciso, mit Clark Gable, der den heldenhaften Retter spielte, in den sich natürlich auch die weibliche Hauptfigur verliebte, oder „Der Gefangene von Alcatraz“. Und dann steht man endlich vor der Golden Gate Bridge und hat vielleicht auch das Glück, dass ausnahmsweise kein Nebel alles verdeckt, und da unten liegt Alcatraz. Die Straßen haben so klingende Namen wie El Embarcadero, und dann gibt es natürlich noch die Lombard Street, durch die der junge Michael Douglas sein Polizeiauto halsbrecherisch hinunterjagte…

„Die Gezeiten gehören uns“, das neue Buch von Vendela Vida (bei dem Namen habe ich mich gefragt, ob er echt ist, denn aus dem spanischen übersetzt bedeutet er so viel wie „Verkauf das Leben“, spielt auch in San Francisco, und über dem Leben der Hauptfigur Eulabee könnte diese Übersetzung auch als Überschrift stehen. Sie ist noch sehr jung, diese Eulabee, und Teil einer Mädchenclique, die auch ein wenig mit ihrem Leben zu spielen scheint, wie das ja öfter vorkommen kann in diesem Alter. Eine ihrer Mutproben ist, den Moment abzupassen, an dem man von China Beach nach Baker Beach hinüberlaufen kann, dann, wenn Ebbe ist und die Wellen gerade noch niedrig genug sind, dass man nicht von ihnen von den Felsen gespült wird. Wenn einem das gelingt, ist man eine Heldin. Und wer möchte das nicht sein?

Eulabee ist intelligenter als ihre Mitschülerinnen, und das darf man nicht immer so zeigen, wenn man nicht ausgestoßen werden will, auch dem Englischlehrer gegenüber hält sie sich lieber zurück. Er ist ein großer Salinger-Fan und zeichnet sich dadurch aus, dass er andere Interpretationen als seine eigenen nicht zuläßt. Eulabee hat aber eine Menge eigener Interpretationen, der Literatur und des Lebens an sich.

Die Anführerin der Mädchengruppe ist Maria Fabiola, die schön ist, reich, dominant, und es mit der Wahrheit nicht immer so genau nimmt. Allerdings erwartet sie, dass ihre Freundinnen sie in allem bedingungslos unterstützen, und als Eulabee das einmal nicht tut, wird sie plötzlich zur Ausgestoßenen, ohne recht zu wissen, warum.

Dann verschwindet Maria Fabiola, man vermutet eine Entführung. Als sie nach Tagen wieder auftaucht, erzählt sie eine geradezu fantastische Geschichte, die trotzdem alle glauben. Alle bis auf Eulabee.

Vendela Vida gelingt es bewundernswert, die Sprache eines etwas altklugen und einsamen jungen Mädchens zu treffen, ohne den geringsten Bruch im Ton. Durch Eulabees Augen läßt sie uns zudem einen Blick werfen auf eine Stadt, die gerade das Schicksal der meisten dieser enigmatischen Städte erleidet: entstellt zu werden durch Gentrifizierung, Tourismus, Klimawandel und eine Politik, die gerade dabei ist, die Geschichte und das Leben dieser Stadt zu verkaufen.

Roman
Einband: gebundenes Buch
EAN: 9783446272262
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