Montana

Meine Freundin Kay ist Richterin in San Francisco, und nicht irgendeine, sondern zuständig  für Mord und Totschlag und Gangkriminalität. Sie sieht also viel, was man manchmal lieber gar nicht sehen will. Letztes Jahr habe ich ihr von meinen amerikanischen Lieblingsautoren vorgeschwärmt,  Pollock, Woodrell, Carlos Blake, und wovon ihre Bücher handeln – „Das denkst Du also von uns?“ fragte sie.

Natürlich ist Kalifornien ein recht zivilisierter Staat, wo selbst die schlimmsten Verbrecher gewisse Regeln einhalten und vegetarisch essen, anders als im Heartland, in Missouri, Wyoming, oder Montana. Womit wir beim Thema wären.

„Montana“ heißt das Buch des bei uns bis dato unbekannten Autors Smith Henderson, und auch dieses Buch ist voll von Gestalten, denen man nicht unbedingt begegnen möchte. Trinker, Süchtige, verrückte Verschwörungstheoretiker, wie man sie schon kennt aus „Hart auf Hart“ von T.C. Boyle oder – ganz hardcore – aus dem „Handwerk des Teufels“ von Pollock.

Pete ist Sozialarbeiter, er kümmert sich um verwahrloste Familien, streunende Kinder, die in Trailerparks leben oder in „Städten“ mit 3000 Einwohnern, irgendwo in Montana. Leider hat er ein Alkoholproblem, das seine Arbeit nicht leichter macht. Seine Tochter wirft ihm vor, dass er deshalb für fremde Kinder arbeitet, weil er sich dann nicht um sie kümmern muss. Da könnte was dran sein.

Wir folgen ihm auf der Suche nach seiner Tochter, die als Kinder-Nutte in Seattle endet, oder in die Wildnis zu dem durchgeknallten Jeremiah Pearl, der mit seinem Sohn Ben vor allem auf der Flucht ist, was den amerikanischen Staat verkörpert, damals, als Reagan Präsident wurde. Die FEDs und der ATF halten Pearl für einen Terroristen, dabei ist er nur ein Opfer seiner im religiösen Wahn verlorenen Frau, die er trotz allem liebt. Oder wir begleiten Pete zu dem versoffenen Richter, der ihn immer wieder aus der Bredouille rettet, in die heruntergekommenen Kneipen mit sehr pittoresken Besuchern, in all die Abgründe, die unsere so ordentliche Gesellschaft nicht zu kennen scheint. Oder haben wir nur keinen, der darüber schreibt?

Dieses Buch sollte jeder Sozialarbeiter lesen, und Sie auch.

Henderson, Smith
Luchterhand Literaturverlag
ISBN/EAN: 9783630874401
24,99 € (inkl. MwSt.)