Mutter und Tochter

Von Ross Macdonald habe ich schon vor Jahrzehnten alles gelesen, was damals in der berühmten schwarz-gelben Reihe von Diogenes erschienen ist,  nur dieses Buch nicht, da es damals nicht veröffentlicht wurde.

Es ist sein erster Roman, wenn ich mich nicht irre, und schon in ihm zeigt er alles, was die Qualität seiner Bücher ausmacht: eine präzise Beschreibung der amerikanischen Gesellschaft, Verständnis für seine Figuren, für die Opfer wie für die Täter, einen Helden in der Tradition von Hammet und Chandler, eine durch und durch spannende Geschichte, die den Leser wie all seine Romane mit dem Wunsch entlässt, umgehend nach Kalifornien zu fahren, um dort etwas zu suchen, was es leider nicht mehr gibt. Und eigentlich auch zu Macdonalds Zeiten nicht gab, wie er sehr wohl wußte, seinen Akteuren aber nicht erzählt hat.

Seine Helden sind keine, niemand ist glücklich, über allen und allem liegt ein grauer Film von Depression und Verzweiflung, entstanden aus dem Widerspruch zwischen dem amerikanischen Traum und der whiskygetränkten Realität schäbiger Motels und Kaschemmen, und auch die Reichen quälen sich mehr oder weniger erfolgreich durch die Zwänge der Prätention und Moral.

Donna Leon hat in ihrem Nachwort die besten Stellen des Buches hervorgehoben, darunter diese:

„Ich warf einen Blick in die abgeteilte Kochnische. Neben der Spüle ruhte auf einem Pappteller ein halbverzehrter Hamburger mit rosa Innenleben. Dahinter lugten die staubig ausdruckslosen Augen einer Küchenschabe hervor, der es rein größenmäßig zuzutrauen war, dass sie die andere Hamburgerhälfte gefressen hatte. Ich verzichtete darauf, sie zu erschießen.“

Eine kluge Entscheidung.

Macdonald, Ross
Diogenes Verlag AG
ISBN/EAN: 9783257300734
18,00 € (inkl. MwSt.)