Mutterland

ist jetzt erfreulicherweise als Taschenbuch erschienen, und ich bildete mir ein, ich hätte es auch schon als Hardcover hier warm empfohlen. Da ich aber meine alte Rezension nicht mehr finde, muß ich auf meine verblaßte Erinnerung zurückgreifen

Theroux ist bekannt als Reiseautor und nicht als Romancier, aber auch diese Form beherrscht er offensichtlich. "Mutterland" darf man wohl als seine Familiengeschichte verstehen, und diese Familie ist nicht gerade klein. Der Vater hatte als gutes Familienoberhaupt beschlossen, seiner immer zahlreicher werdenden Kinderschar ein großes Haus zu kaufen, mit dem er vor allem seiner Frau eine Freude zu machen dachte. Leider entpuppte es sich eher als Danaergeschenk, weil es an unzähligen Mängeln litt, denen er zwar beherzt, aber unbegabt zu Leibe rückte und immer dann, wenn eine seiner Reparaturen zu scheitern drohte, sich in sein ungewöhnliches Hobby flüchtete, in einer Minstrelshow aufzutreten. Wer nicht mehr weiß, was das war: damals schminkten sich weiße Männer schwarz und sangen Gospels und Vaudeville-Schlager, ein Vorgang der heute natürlich nur Entrüstung hervorrufen würde.

Wer derartige Unvollkommenheiten des Familienvorstandes auszubaden hat, ist in der Regel die Frau des Hauses, die sich in hier auf ihr sehr eigene Art für die Entbehrungen ihrer jüngeren Jahre rächt, indem sie zu einer sehr begabten Intrigantin wird. Das Haus steht in Strandnähe an der Ostküste und wird daher im Laufe der Jahre zu einem wertvollen Objekt. Was liegt also näher, als ihre sehr unterschiedlich geratenen  Kinder auf sehr subtile Weise gegeneinander auszuspielen, indem sie die geldgierigen Blagen mit dem Erbe lockt und erpresst.

Der Erzähler selbst, der sich am weitesten von den familiären Normen und Strukturen entfernt hat und auch nichts erben will, ist derjenige, der nicht aufhört, immer wieder erfolglos um die Mutterliebe zu ringen.  Als Leser und beobachtender Teilnehmer dieser Familienaufstellung möchte man ihm oft zurufen: Gib auf, laß das doch, es wird nichts, aber er läßt nicht locker. Und je tiefer man in die Geschichte eindringt, desto unsympathischer wird einem die Mutter, aber man kann auch nicht umhin, sie für ihre Fähigkeit zur Manipulation zu bewundern. Theroux wiederum gelingt es, trotz der Verletzungen, des ohnmächtigen Zorns, der Demütigungen, nie das Verständnis zu verlieren für seine Figuren, seine Familie, und so ahnt man ganz am Schluß auch, warum diese Mutterfigur wurde, wie sie ist.

Einzelkinder sind bei der Lektüre dankbar, von Geschwistern verschont geblieben zu sein, und Lesern mit Großfamilie wird  hier und da etwas bekannt vorkommen. Aber in Coronazeiten ist es ja schön, wenn man wenigstens in einem Buch von vielen Menschen umgeben ist.

Theroux, Paul
Hoffmann und Campe Verlag GmbH
ISBN/EAN: 9783455008616
14,00 € (inkl. MwSt.)