Niemand ist bei den Kälbern

Man riecht sie förmlich, die Kuhscheiße. Und wer – selbst nur ein paar Jahre – auf dem Land aufgewachsen ist, spürt es auch nach 50 Jahren noch in sich hochkriechen, wie das war, wenn man beinah auf dem glitschigen Boden im Stall vor dem Misten ausgeglitten wäre und gelandet in diesem Gemisch aus Stroh und Pisse, man sieht sie vor sich, die Fliegenfänger, die von der Decke baumelten, auch in der Küche der Gastwirtschaft, die man neben der Landwirtschaft betrieben hat, um über die Runden zu kommen. Natürlich gab es auch bessere Gerüche, das frisch gemachte Heu, den warmen Duft, der über den Feldern lag an schönen Tagen, das Vogelgezwitscher, das man damals noch unterscheiden konnte, das Kartoffelfeuer.

Und es gab immer die, die dort geblieben sind, und die, die sich nicht sehnlicher wünschten, als so schnell wie möglich wegzukommen. Vor allem die Mädchen, die die zweifelhafte Wahl hatten, einen dieser immer nach Stall riechenden Kerle nehmen zu müssen, mit den ausgewaschenen Hemden, die sie nach dem Feuerwehrfest ziemlich betrunken hinter einen Busch mitnahmen, oder einen von denen, die es in die Stadt geschafft hatten, auf den Bau oder wenigstens die Tankstelle im größeren Nachbarort.

Christin ist eine von denen, die mal eine Lehre angefangen haben, im Frisörsalon, der dann pleite ging, und dann dem sicher ungeschickten Werben von Jan nachgegeben hat, weil das Kost und Logis bedeutete und sie ihm dankbar war, weil er sie genommen hat, obwohl ihre Mutter durchgebrannt war und der Vater ein hoffnungsloser Säufer ist. Aber wir lange hält man es aus zwischen den Kälbern und dem Heuwender, wenn man immer von einem anderen Leben träumt?

Der einzige Mann, der nicht aus diesem Kaff stammt, in der mecklenburgischen, langweiligen Ebene, ist Klaus, der bei der Windradfirma arbeitet, der viel älter ist, den sie in die Scheune lockt, und den sie nicht aus dem Kopf kriegt, obwohl er die Kippe auf ihr ausdrückt und sie schlägt beim Sex, was sie trotz der Schmerzen genießt, weil sie dann wenigstens etwas spürt. Und dann gibt es noch Danilo, den Kleinkriminellen mit rechtsradikalen Tendenzen, obwohl – die haben die Männer da offenbar alle, was soll´s.

Ihre Selbstachtung hält sie hoch mit ein bißchen Schminke, versteckt im Handschuhfach ihres alten Opel, als könne ein bißchen Concealer und Wimperntusche die Milchflecken und die Kuhscheiße überdecken, wenn sie sinnlose Fluchten nach Hamburg oder Lübeck versucht, eigentlich viel zu besoffen zum Fahren, von den süßen Schnäpsen, die sie unter dem Fahrersitz bunkert.

Ein verdammt deprimierendes Buch, eine Mischung aus „Altes Land“ und „Effi Briest“ , mit einem Hauch Doris Knecht, und doch ganz eigenständig und wirklich gut. Mit einer Überschrift in fetten Lettern: Stadtluft macht möglicherweise frei. Wenn man es soweit schafft.

Herbing, Alina
Arche Verlag AG
ISBN/EAN: 9783716040089
12,00 €