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Oh, William!

Das Glück schreibt keine Literatur. Keine guten Geschichten, nicht die von der Art, die einem zeigen, dass Schriftsteller dich einig machen können mit der Welt.

Gerade habe ich eine Kritik über die neue Platte von Ed Sheeran gelesen, von der er selbst sagte, sie sei nicht so gut wie die davor. Denn nun ist er verheiratet, Vater und glücklich. Gute Songs entstehen nicht aus dem heilen Familienleben, sie entstehen aus dem Gegenteil – die Geschichten von Geliebten, die auf den verheirateten Mann warten – saving all my love for you, Whitney Houston war auch nicht glücklich, aber was für eine Stimme! - von Kindern aus schrecklichen Familien, oder einsame Barflies wie auf den Bildern von Edward Hopper. Vielleicht haben die Amerikaner deshalb so gute Schriftsteller, weil das Land  aus Blut und Gewalt und Armut gemacht ist.

Wie komme ich darauf: ich habe seit langem wieder einen Roman von Elisabeth Strout gelesen, „Oh William“, und der handelt von all diesen Themen:  davon: wie es ist, aus einer schrecklich armen Familie zu kommen, zutiefst unglücklich gewesen zu sein als Kind, und was man daraus machen kann, oder was das mit einem macht, einsam zu sein, an den falschen Mann zu geraten...  „Wir kennen uns selbst besser, als uns das bewusst ist“, sagt sie, als sie davon erzählt, einen Mann im Studium kennengelernt zu haben, der dann doch nichts von ihr wollte. Er war ihr Chef, viel älter als sie, und führte sie ein paar Mal aus, um dann nichts mehr von sich hören zu lassen. Nun könnte man als betroffene Frau sagen: So ein Mistkerl! Aber ihr wird klar, dass er wußte, besser als sie, dass sie nicht die Frau war, die „ihn so nennen konnte, wie man einen solchen Mann nennen muß“.   So manch einer, mit dem es nichts wurde, wird das gewußt haben – und damit das nicht so klingt, als wäre man das Opfer: weil er vor einem selbst erkannt hat, dass man eben nicht die Frau war, die einen solchen Mann wollte. Einen der erwartet, dass man zu ihm aufsieht.

Das merkt man erst später, sehr viel später, wenn man Glück hat. Dann kann man Frieden machen mit sich selbst.

Manchmal, wie gesagt, macht einen Literatur einig mit der Welt. Wenn sie Geschichten erzählt, die einem bekannt vorkommen: William, der Mann, von dem dieses Buch handelt, ist der Sohn eines Deutschen, der in amerikanische Kriegsgefangenschaft kam, auf eine Farm, und dort seine Frau kennenlernt, die Frau des Farmers, genau genommen, und sie verließ ihren Mann und das Kind und folgte ihm nach New York, wohin er zurückgekommen war, nach der Gefangenschaft, zurück aus Deutschland. Mein Großvater war auch in Amerika, und wenn man ihn erzählen hörte, war das die beste Zeit seines Lebens, in Nebraska und Wyoming. In Scotts Bluff.

William macht also mit Lucy eine Fahrt in die Vergangenheit seiner Eltern. Er hat gerade erfahren, dass er dort eine Halbschwester hat, die von seiner Mutter zurückgelassen wurde. Es kommt nicht zum Treffen mit ihr, aber er fährt alle Orte ab, an denen die Mutter gelebt hat, deprimierende, sterbende Orte. Er sieht das Farmhaus,  in das sein Vater, der Kriegsgefangene, einfach hineinspazierte, dort auf dem Flügel spielte und wortlos wieder ging. Ein stolzer Mann. Kein Wunder also, dass die Frau des Hauses sich in ihn verliebte.

William ist eigentlich zu feige, sich seiner Vergangenheit zu stellen. Also tut es seine Ex-Frau, die Erzählerin, die stärkere von beiden eben – wie Frauen halt so sind.

Ein sehr, sehr schönes und kluges Buch.

Vielleicht sollte man öfter auf Spurensuche gehen – ich jedenfalls würde es gerne noch schaffen, einmal nach Scotts Bluff zu fahren, dahin, wo mein Großvater gelandet ist. Um mich an ihn und ein Amerika zu erinnern, dass es auch nicht mehr gibt.

Roman
Einband: gebundenes Buch
EAN: 9783630875309
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