Reiz

ist das dritte Buch von Simone Meier, das einen einsilbigen Titel hat, vorher gab es schon „Fleisch“ und „Kuss“. Aus diesen Titeln kann man schließen, worum es Frau Meier geht: um Anziehung, um Liebe vielleicht, und um das Altern und was es mit uns macht.

Wer die Bücher von Doris Knecht mag, wird auch Frau Meier lieben. Sie hat eine ähnliche Bissigkeit und Gnadenlosigkeit im Umgang mit menschlichen Fehlern, stilistisch schlägt sie allerdings Frau Knecht noch um einiges.

Ihre Heldinnen sind Frauen zwischen 45 und 55, so in etwa, die durchaus stark und selbstbewußt sind, aber mit einem kleinen Generationenkonflikt zu kämpfen haben: irgendwie beneiden sie die jungen Frauen ja doch um ihr festes Fleisch.

Eine meiner Lieblingspassagen aus „Fleisch“ will ich Ihnen daher nicht vorenthalten:

„Anna stand auf und ging zur Auslage, sie liebte das Bistro mit integriertem Delikatessengeschäft, es war alt und man konnte keine Cupcakes kaufen. Cupcakes waren für sie der Anfang einer niedlichen Verblödung. Sie hasste junge Frauen, die sagten: „Ich habe da so einen süßen kleinen Cupcake-Laden in der Altstadt. Ich mach gern Experimente, zum Beispiel Kokos mit Kochbanane, Kartoffeln und Caramel au beurre salé. Wenn so etwas dann schmeckt, bin ich total glücklich.“

Valerie, die Heldin aus „Reiz“, hat mit Anna so einiges gemein, und auch in dem neuen Roman geht es um den Gegensatz von Jung und Alt und den tröstenden Vorteil, den das Altern hat: die Älteren kennen das ja alles schon, um das die Jungen noch ringen.

Valerie ist erfolgreiche Journalistin in ihren 50ern und hat einen sehr viel jüngeren Liebhaber, Teo, der ihr zu ihrer Verblüffung mehr oder weniger zufällig zugestoßen ist: natürlich verwundert es sie zunächst, dass dieser junge, schöne, erfolgreiche Mann sie anziehend findet. Aber es ist angenehm und praktisch, ein so verläßliches Unterhaltungsprogramm in Form eines toyboys zu haben, denn aus festen Beziehungen hat sie sich nie viel gemacht. An Männern hat es nie gemangelt, sie hat die Abenteuer, den Sex, die Abwechslung immer genossen.

Möglicherweise ist ihr Beharren auf Autarkie einem Mann geschuldet, in den sie sich verliebte, als sie noch sehr jung war, ein Teenager fast, Mann hatte, der etwas älter war, reich und erfolgreich, gutaussehend, die richtige Wahl für das erste Mal, so schien es ihr. Das erste Mal soll, so denkt man sich immer, etwas Besonderes sein, (was es erfahrungsgemäß selten ist).

Er verspricht er, es werde wunderbar werden und nimmt sie mit auf eine kurze Geschäftsreise nach München – als verheirateter Mann ist er natürlich ein wenig eingeschränkt in seinen Möglichkeiten und muss derartige Termine ausnutzen. Aber er entpuppt sich als rücksichtsloser Geizhals, der die Münchner Vororte nach einem möglichst billigen Hotel abklappert und nicht daran denkt, noch etwas Essen zu gehen. Er, der es sich wirklich leisten könnte, eine Luxussuite zu buchen mit Zimmerservice, Champagner und Schnickschnack, landet mit ihr in einer spießigen Sperrholzmöbelhölle ohne Minibar, aus der sie wenigstens ein paar Salzstangen hätte klauben können. Vor Hunger ist sie schon fast besinnungslos, als er sie dann auf das Ernüchterndste beschläft.

Allein für diese Szenen lohnt sich das Buch schon, denn eigentlich war man es in den Zeiten, in denen dieser Vorgang spielt, noch gewohnt, wenigstens eine warme Mahlzeit zu bekommen vor dem Sex. Naja, meistens.

Valeries einzig stabile Beziehung ist die Freundschaft zu einem erfolgreichen Schauspieler, der circa viermal verheiratet war und aus jeder dieser Ehen ein Kind hat, und der an ihr schätzt, dass man mit ihr alt werden kann, ohne den Bauch einziehen zu müssen.

Das ist das Tröstliche an diesem Buch, das auch durchaus jungen Lesern gefallen dürfte oder zumindest Erkenntnisgewinn verspricht: Dass man nach der Phase, in der man langsam zu verwelken beginnt und sich gegenseitig Geschichten vom Geschlechterkrieg erzählt, um den eigenen früheren Glanz zu beschwören, Ruhe findet bei dem Gedanken, dem Sexual abzuschwören, nichts mehr zu vermissen, zufrieden zu sein in der Gegenwart von Freunden, einem Glas Wein und dem Blick aufs Meer, sei es real oder nur eine Erinnerung.

 

Meier, Simone
Kein & Aber AG
ISBN/EAN: 9783036958392
22,00 € (inkl. MwSt.)