Scham

ist ein mächtiges Gefühl. „Le malheur du bas“ heißt das Buch von Inès Bayard im Original, mit meinem rudimentären Französisch würde ich dies als „Das Unglück, das Pech, der Unfall da unten“ übersetzen, denn wirklich präzise lässt sich im Deutschen nicht ausdrücken, was mit dem ungemein treffenden französischen Titel gemeint ist. „Unter der Gürtellinie“, könnte man sagen, ist Marie ein Unglück widerfahren, wurde ein Gewaltakt an ihr verübt.

Ähnlich wie bei Slimanis „Dann schlaf auch Du“ beginnt der Roman mit einer Schreckensszene, der Beschreibung dessen, was man „erweiterten Selbstmord nennt: Marie vergiftet sich, ihr Kind und ihren Mann, der als einziger knapp überlebt.

Dabei war doch alles so perfekt in Maries Leben: ein guter Job als Vermögensberaterin, ein Ehemann, der sie auf Händen trägt und der ihren Kinderwunsch teilt, eine schöne Wohnung – diskreter Charme der Bourgeoisie eben.

Bis Maries neuer Chef nach einem Meeting anbietet, sie nach Hause zu fahren und dann in seinem Bonzenwagen auf brutalste und erniedrigendste Weise vergewaltigt, nicht ohne ihr hinterher klarzumachen, dass sie besser schweigen sollte, wenn ihr eben dieses perfekte Leben lieb ist.

Sie zeigt ihn in der Tat nicht an, sie macht es mit sich allein aus und erträgt sogar, dass ihr Mann nach der Rückkehr von der Arbeit sich ebenfalls ihres schmerzenden Körpers bemächtigt, ohne dass er merkt oder merken könnte, was ihr widerfahren ist.

Zu allem Unglück ist sie dann auch schwanger, und behält dieses Kind, weil man sich ja ohnehin eines gewünscht hatte, weil ihr Gynäkologe ein Freund des Paares ist, dem sie sich natürlich nicht anvertrauen kann. Immer und immer wieder verpasst sie den richtigen Zeitpunkt, dem Unheil etwas entgegenzusetzen, zu sprechen, sich zu wehren, jemandem zu vertrauen, während der Zorn und die lähmende Verzweiflung in ihr wachsen.

Das Schrecklichste an diesem Buch ist, dass man auch als Leser beginnt, Marie zu verachten in ihrer trägen Selbstbestrafung, dass es Frau Bayard gelungen ist, den Selbsthass dieser Frau auch im Zuschauer gegen sie zu kehren. So allein ist sie, so unglaublich dumm, das man Mitleid nur hat mir dem armen Kind, das sie auf die Welt bringt. An dem Kind läßt sie alles aus, was sie quält, sie verabscheut es, vernachlässigt es auf widerwärtige Weise, als wollte sie die unterlassene Abtreibung dadurch nachholen, dass sie es halb verhungern läßt. Ihr Mann merkt das erst sehr spät, ihre Mutter verkennt ihren Zustand, niemand ist schuldlos in diesem Szenario.

Früher schon habe ich mich gefragt, was das Besondere ist an der neueren französischen Literatur, ohne es benennen zu können. Wenn die französische Gesellschaft sich wirklich in diesen Romanen widerspiegelt, und natürlich ist das der Fall, dann kann es einen grausen. Der Druck der Moral, des Aufrechterhaltens des schönen Scheines, die Zwänge des Bürgertums müssen nach wie vor erheblich stärker sein als bei uns. Das Schweigen regiert, und man möchte in das Buch springen und allen zurufen: „warum tut ihr nichts?“, und schaut zu, während alles und alle auf den Abgrund zusteuern.

Schwere Lektüre – aber unbedingt lesenswert.

Bayard, Inès
Zsolnay Verlag Wien
ISBN/EAN: 9783552059764
22,00 € (inkl. MwSt.)