Schläge

Man sollte ein Buch nicht nach dem Einband beurteilen – selten war dieser Satz so wahr wie bei „Schläge“ von Meena Kandasamy. Denn das Cover ist leider furchtbar und macht diesen großartigen, wahrscheinlich autobiografischen Roman nahezu unverkäuflich, wenn man nicht für ihn eintritt, was ich hiermit vehement tue. Wobei „vehement“ in der Tat ein passendes Adjektiv ist für all das, was in diesem Buch geschieht, in dem es um Gewalt geht, um Aufbrausen, Unbeherrscheit, und um das immer wieder schwer verständliche Phänomen, warum Frauen in einer von diesen Adjektiven geprägten Ehe festhalten.

Es geht vor allem auch um Sprache, denn die geschlagene Frau ist Schriftstellerin, Sprachforscherin, verliebt in Worte und ihre vielfältigen Bedeutungen, darum, wie Sprache das Sein prägen kann, was Sprache über eine Kultur aussagt. „Eine Frau kann nicht viel werden, wenn sie Hausfrau in einer fremden Stadt ist, in der keine ihrer Muttersprachen gesprochen wird.“ In Indien mit seiner unglaublichen Sprachenvielfalt kann das schnell passieren, und in Indien ist Gewalt gegen Frauen kulturell verankert.

Selbst die intellektuellen Eltern der Protagonistin, denen sie von den Problemen mit ihrem Mann erzählt, haben am Anfang nur den Rat, auszuhalten, ihm keinen Anlaß zum Zorn zu geben, ihn in seinem Ego zu bestärken, weil nur Männer, die sich schwach fühlen, ihre Frauen mißhandeln. Das mag richtig sein, nützt aber nichts. Natürlich nicht.

Der Mann ist Kommunist, Maoist, Held der Revolution und voller dialektischer Worthülsen, der seine Frau damit erniedrigt, dass er sie als Opfer ihrer bourgeoisen Erziehung analysiert, die nur ordentlich gebrochen werden muß, um als Phönix aus der reaktionären Asche aufzuerstehen. Ein soziopathisches Monster, das den Klassenkampf zur Entschuldigung für seinen Sadismus benutzt.

Und trotzdem redet sie sich ein, es werde alles noch gut, hat Schuldgefühle, weil sie zu widerspenstig ist, weil sie letztlich in ihre eigene Falle getappt ist, es nicht besser gewusst zu haben – oder nein: es besser gewußt zu haben und sich trotzdem diesem Mann ergeben zu haben, den Resten der Tradition, dem Versuch, ihr für ein indisches Mädchen unwürdiges Leben in andere Bahnen zu lenken.

Die Lehre, sie sie sich selbst und den Leserinnen mitgibt, am Schluß, ist, dass Dich niemand retten kann, nur Du selbst.

Kandasamy, Meena
CulturBooks Verlag
ISBN/EAN: 9783959881487
22,00 € (inkl. MwSt.)