Schwäbischer Albtraum

 

Vor einiger Zeit, als ich noch eine sehr viel aktivere Strafverteidigerin war, mußte ich einige Tage im Monat in Tübingen verbringen und dort die wirklich unglaubliche Borniertheit schwäbischer Honoratioren und anderer Kleinstadtbewohner kennenlernen – eine Erfahrung, auf die ich gerne verzichtet hätte.

Anna Katharina Hahn ist Spezialistin für schwäbischen Pietismus. Die selbstgerechte Spießigkeit auch des linken Bürgertums hat sie in ihrem Buch „Am schwarzen Berg“ auf das schönste seziert, um nun ein wenig weiter auszuholen in Raum und Zeit.

Drei Frauen sind die Protagonistinnen dieses Romans, Elisabeth, ihre Tochter Cornelia und Gertrud, die Großmutter. Die dazugehörigen Männer sind alle abhandengekommen, wobei der verständigste eine Armeleutepuppe ist, der Linsenmaier nämlich.

Elisabeth war lange mit Hinz verheiratet, der aber ausgerechnet aus der Reha nach einem Schlaganfall mit einer anderen durchbrennt, man stelle sich das vor, in seinem Alter und in seinem Zustand! Cornelia hingegen war mit einem charmanten, aber irgendwie dicklichen und wenig ehrgeizigen griechischstämmigen Freund aus Kindertagen verheiratet, der es dann vorzog, wieder nach Griechenland zurückzukehren, um dort auch kein Geld zu verdienen.

Gertrud, das Trudele, die Großmutter, entstammte einer einstmals sehr wohlsituierten Familie, die nach dem ersten Weltkrieg ihr Vermögen in der Weltwirtschaftskrise verlor und die dann, wie so viele aus der Gegend, nach Philadelphia ging zu weitläufigen Verwandten, um eine Zeitlang Geld zu verdienen. Auf dem Schiff lernt sie Albert kennen, aus Gottsfelde bei Münchingen, dem schwäbischen Paradies der Pietisten, der wie so viele nach Pennsylvania unterwegs war, und fast so fromm ist wie die dort lebenden Amish. Ein Jahr lang möchte der dort Erfahrungen sammeln, spirituell und als Werkzeugmacher.

Cornelia ist ein wenig chaotisch und völlig erschöpft von der Rolle der Alleinerziehenden Mutter zweier Problemkinder – Stella, schwerst in der Pubertät, und Bruno, der dem Vater nachkommt und daher recht adipös ist, was einer Physiotherapeutin vielleicht noch mehr Sorge macht als anderen Müttern. Gemobbt wird er auch in der Schule, aber das erzählt er natürlich nicht. Erzählen tut man sich ohnehin nicht viel in dieser Familie, insofern haben wir hier den dritten Roman, der eigentlich mehr vom Nichtausgesprochenen handelt als von dem, was man in Familien teilt.

Cornelia beschließt also, sich eine Auszeit zu nehmen und nach Amerika zu fliegen, auf den Spuren ihrer Großmutter, und Elisabeth hütet die Enkel. Eine echte Herausforderung für sie, die sich immer weniger als Hausfrau denn als Geschäftsfrau verstanden hat, in ihrem Reisebüro, rauchen dund Autofahrend und die Kinder mit Miracoli ernährend – trotzdem oder deswegen findet sie den Haushalt, den ihre Tochter ihr nun aufgedrängt hat, entsetzlich unbeherrschbar. Denn vor allem ist Elisabeth die Tochter einer Mutter, die aus der Rolle der verwöhnten Tochter dann in Amerika in die eines Dienstmädchens schlüpfen mußte, unter der sie natürlich furchtbar litt, um sich dann von einem allzu frommen Pietisten retten zu lassen, der mit ihr nach Gottsfelde zurückkehrte.  Aber in pietistischen Familien redet man mit Gott, nicht miteinander.

Anna Katharina Hahn ist es einmal mehr gelungen, die Unterströmungen in einer Familiengeschichte sichtbar zu machen, und man lernt sogar noch etwas dabei, während man hervorragend unterhalten wird. Was will man mehr!

Hahn, Anna Katharina
Suhrkamp
ISBN/EAN: 9783518429198
24,00 € (inkl. MwSt.)