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Strömung

von Jakob Augstein ist eines dieser Bücher, in denen der Held unausweichlich auf einen Abgrund zutreibt und man – nein – frau daneben steht und rufen möchte: Halte ein! Was tust Du da?

Misslinger ist Politiker und ein erfolgreicher dazu, einer, der einer Partei angehört, die ersichtlich nach dem Vorbild der FDP gestaltet ist, denn wo sonst kann man so schnell als alerter Außenseiter, dessen größtes Ideal der Freiheitsbegriff ist, nach oben durchstarten?

Ja, sehr erfolgreich ist er in Berlin, weniger im Privatleben, und man merkt, dass Augstein wirklich viel weiß  über Politik und Männer, die sich in ihr bewegen, denn noch immer, scheint es, sind es die Kerle, die das sagen haben, Frauen-Quote hin oder her.  

 „Misslinger“ ist als Name des Protagonisten gut gewählt. Sein Slogan ist „bei mir hört das Scheitern mit dem Namen auf“, damit beginnt er seine Reden gern, und für seine brillante Rhetorik ist er bekannt und wird in seiner Partei geschätzt, er hat gute Aussichten auf den Vorsitz, weil er die Leute mitreißen kann – und bevor er zum Endspurt um den Vorsitz ansetzt, fährt er mit seiner halbwüchsigen Tochter nach New York, und in die Hamptons. Und fürderhin sehen wir Misslinger  beim Scheitern zu, beim Scheitern der politischen Visionen, so es denn noch welche gibt, beim Scheitern europäischer Moralvorstellungen, dem Glauben an ethische Regeln, an Gewissheiten, beim Scheitern seiner Ehe, seines Lebens…

Das Buch spielt kurz vor der Wahl Trumps zum Präsidenten, als wir alle uns noch nicht vorstellen konnten und wollten, dieser Clown würde tatsächlich gewinnen – und seht her, es geschah!

Inzwischen ist noch sehr viel mehr geschehen, das wir uns nicht vorstellen konnten, und Jakob Augstein, dem man Unrecht tut, wenn man in für den eitlen Selbstdarsteller hält, als der er manchmal daherkommt, hat ein hervorragendes Buch darüber geschrieben, was wir verloren haben und wer daran schuld ist.

Es mag daran liegen, dass die Reise ausgerechnet  in Montauk ihren Höhepunkt hat, dass man  Max Frisch zu hören meint, und Martin Walser, den jungen, und vielleicht auch Philip Roth  im Hintergrund vorbeiläuft. Und Walser sagt: „Nicht schlecht, mein Sohn“.

Wirklich nicht schlecht. Ein wenig deprimierend, aber wirklich ganz und gar nicht schlecht.

Roman
Einband: gebundenes Buch
EAN: 9783351039493
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