Vater und Sohn

Wenn man ganz viel Zeit hat, an einem Sonntag, zum Beispiel, oder wenn man mit einer leichten Grippe im Bett liegt, dann liest man einen der 650-Seiten -Romane von James Lee Burke an einem Tag. Bei „Glut und Asche“ ist es mir gelungen, bei  „Vater und Sohn“ waren es immerhin 300 Seiten an einem Nachmittag. Man möchte nämlich nicht aufhören.

„Es gibt nur wenige Götter, die schreiben können – einer von ihnen ist für mich schon lange James Lee Burke. Falls ich je wieder zu beten anfange, geht das auf sein Konto“, sagt Franz Dobler, und man kann dieses Zitat auf dem Backcover lesen.  Ich kann dem nur zustimmen.

Burke hat  verschiedene Serien geschrieben, die Robicheaux-Krimis mit dem Schauplatz Louisiana, und die Romane um die Holland-Familie, die uns an die Grenze von Texas und Mexiko führen, und in denen er auch die Geschichte seiner eigenen Familie verarbeitet. Wie James Carlos Blake ist Burke ein Chronist des Wilden Südens, oder besser: der wilden, aus Gewalt und Blut geborenen amerikanischen Geschichte, und beide Autoren sind, auch oder gerade weil sie uns viel zumuten,  in tiefer Seele Humanisten. Die Gewalt, der Betrug, der Wahnsinn, den sie beschreiben, hat fast pazifistische Züge, fast nur, denn man meint plötzlich auch zu verstehen, daß Gerechtigkeit manchmal auch bedeutet, den Feind zu vernichten. Und danach schlecht zu schlafen. Oder besser gesagt: man versteht, wie leicht man verführt ist, wie sehr fasziniert von der Gewalt, wenn man nur einen guten Grund dafür hat, auf der richtigen Seite steht, oder was der Entschuldigungen mehr sind.

Es sind Geschichten eines traumatisierten Landes, Geschichten, die wir alle aus unserer Jugend zu kennen meinen. Welch Irrtum,  aber wir haben ja James Lee Burke, der uns wahrere Stories erzählt.

 „Vater und Sohn“ beginnt in Mexico, in den Grenzgebieten, wo Pancho Villa unterwegs war auf der einen Seite, und John Wesley Hardin und Sundance Kid auf der anderen – aber dieser Sundance ist nicht Robert Redford.

Hackberry Holland sucht seinen Sohn, den er verlassen hat, als der noch ein Kind war, und den wir Leser begleiten in den Grabenkrieg in Frankreich, den er an Leib und Seele verletzt überlebt. Holland folgt ihm auf vielen Umwegen, die vor allem den Frauen seiner Vergangenheit geschuldet sind, von denen manche dem Bordell entstammen, dem das englische Original seinen Namen verdankt: The houseof the rising sun.

Also legen sie die alte Platte auf, schenken Sie sich einen Brandy ein und fangen Sie an zu lesen. Am besten an einem Samstag, denn wie gesagt: Sie werden nicht aufhören wollen.

Burke, James Lee
Heyne, Wilhelm Verlag
ISBN/EAN: 9783453270886
17,99 €