Vaterland ?

Haben Sie „Mutterland“ von Paul Theroux gelesen? Dann sollten Sie nun den neuen Roman von Tom Rachman nicht versäumen, den man „Vaterland“ nennen könnte, oder auch mit dem gleichen Recht „Kein Vaterland, nirgends“ .Bei Theroux versucht der Sohn es seiner dominanten und intriganten Mutter irgendwie recht zu machen, bei Rachmann jagt ein Sohn mit nachgerade würdeloser Verzweiflung der Liebe und Aufmerksamkeit seines Vaters hinterher, die er nie erreichen wird. Das liegt nicht an ihm, sondern an dem Umstand, dass der Vater zwar ein berühmter Maler, aber vor allem ein monomanisches, rücksichtsloses Arschloch ist, das alles und jeden auf dem Altar seiner Kunst opfert.

Bear Bavinsky, von dem wir hier reden, sieht sich in direkter Konkurrenz zu Picasso, den er für einen Scharlatan hält, der sich nicht entblödete, des schnöden Mammons wegen auch noch das letzte Gekritzel auf einer Restaurantserviette an Sammler zu verhökern.  So etwas würde Bear Bavinsky nie tun, er verbrennt jedes seiner Bilder, das er nicht für perfekt hält, verweigert sich dem gesamten Kunstmarkt und beeindruckt mit dieser edlen Haltung natürlich die Frauen, die ja ohnehin gerne ein Faible für egoistische Mistkerle haben.

So geht es auch Natalie, der Mutter des Erzählers, die eigentlich eine hochbegabte Töpferin ist, aber vor lauter (eingeforderter) Hingabe zu Bear ihre eigene Kunst völlig vernachlässigt. Ihren Sohn Pinch allerdings bestärkt sie darin, etwas Besonderes und begabt zu sein, eine Zuschreibung, die wie ein Fluch über Pinch, der eigentlich Charles heißt, liegt, und ihn daran hindert, jemals an sein eigenes Talent zu glauben. Oder besser: natürlich ist es sein Vater, der jedes Selbstbewußtsein in Pinch zerstört, wie in all seinen circa 11 Kindern von mindestens 5 Frauen. Ein Beispiel: Pinch, halbwüchsig, lebt mit seiner Mutter noch in Italien, während Bear nach Amerika zurückgekehrt ist, und der lädt ihn nun nach New York ein. Pinch hat ein Bild im Gepäck, das er seinem Vater zeigen will.

Schon in den ersten Tagen in der Wohnung Bears und seiner neuen Frau hat der Vater so gut wie keine Zeit für den Sohn, er muss ja malen. Oder andere wichtige Dinge tun. Der Junge findet keine Gelegenheit, dem Vater sein Bild zu zeigen. Als sich der Abreisetag schon nähert, scheint Papa endlich einmal Zeit für seinen Sohn zu haben, denn er nimmt ihn mit nach Manhattan. Dort hat eine renommierte Galerie ihn zu einer Vernissage eingeladen, hoffend, dass Bear demnächst auch wieder ein paar Bilder für sie zur Verfügung stellen wird.

Und wie könnte es anders sein: statt mit seinem Vater verbringt der Sohn die Nacht alleine im Hotel bei der Radioübertragung eines Baseballspiels, nachdem Bear mit einer Dame im anderen Zimmer verschwunden ist und ihm am nächsten Morgen natürlich wie unter Verschwörern Stillschweigen abverlangt. Ein solches Angebot von Näher verleitet Pinch nun dazu, sich ein Herz zu fassen und seinem Vater am Tag der Abreise sein Bild zu zeigen. „Du wirst nie ein Maler“, sagt Bear.

Ob dem so ist, sollten Sie selbst beurteilen. Wie bei Oblomov möchte man manchmal in dieses Buch springen und Pinch zurufen, er solle gefälligst seinen Arsch hochkriegen und seinen Vater vergessen, dem er als bejammernswerter Schwächling seine Liebe nachträgt und sich noch etwas darauf einbildet, tatsächlich so etwas wie der Lieblingssohn seines Vaters zu sein. Linkisch, unattraktiv, unbegabt, aber immerhin italienisch sprechend wird er Lehrer an einem Sprachcollege in London. Das Original trägt denn auch den sehr passenden Titel „The Italian Teacher“

Aber Pinch hat noch eine andere Seite, die ich hier nicht verraten will. Lesen sie selbst, Sie werden es nicht bereuen.

Und vielleicht werfen Sie auch noch mal einen Blick in ein früheres Werk des Autors, „Die Unperfekten“. Lohnt sich auch.

Rachman, Tom
dtv Verlagsgesellschaft mbH & Co. KG
ISBN/EAN: 9783423289696
22,00 €