Vater.Mutter.Kind.Kriegserklärungen

Margit Schreiner verehre ich wirklich. Schon als ich vor ein paar Jahren „Kein Platz mehr“ las, war ich hingerissen von ihren Beschreibungen der täglichen menschlichen Unzulänglichkeiten, und nach „Sind Sie eigentlich fit genug?“ war ich nur noch begeistert, zumal wir dann auch noch das Vergnügen hatten, sie – als man noch Lesungen veranstalten konnte – bei uns zu Gast zu haben. Ich weiß nicht, ob ihre Bücher bei jüngeren Menschen die gleiche Wirkung entfalten, aber wenn Sie in den 50-er Jahren geboren sind (oder eine Mutter haben, die so alt ist), scheint es Ihnen wie mir möglicherweise bei der Lektüre, man erzähle Ihnen gerade Geschichten aus Ihrem eigenen Leben, erkläre Ihnen, warum das alles so gekommen ist, und Sie blicken dankbar vom Buch auf, weil jemand das ausspricht, was Sie selbst schon immer einmal aufschreiben wollten, aber nicht zu Papier bringen können. Endlich verstehen Sie zum Beispiel, warum Sie als Kind nie einen Hund oder ein anderes Tier mit Fell haben durften, sondern höchstens einen Wellensittich oder Kanarienvogel.

„Kriegserklärungen“ heißt dieses Buch wahrscheinlich, weil das Erwachsenwerden in einer Familie, selbst wenn man an seinen Eltern nichts Wesentliches auszusetzen hat, man nicht geschlagen wird, manchmal sogar miteinander redet und lacht, in den Urlaub nach Italien fährt, ordentlich zu essen bekommt, ein Kampf ist. Weil man so viel nicht versteht, es einem aber auch keiner erklärt, weshalb man gezwungen ist, im Lexikon nachzuschlagen oder die Bücher zu lesen, die die Eltern verboten haben.

Weil man sich durchsetzen muß, gegen die Mitschüler, die Nachbarn, die Familie, das unvermeidliche Erwachsenwerden – und weil am Ende dann auch noch die Schlacht gegen das Alter und seine verdammten Unzulänglichkeiten auf einen wartet.

Es sind die kleinen Geschichten in der Geschichte, wie die von der Trockenhaube und dem Schnellkochtopf. Alle hatten damals einen Schnellkochtopf, und alle hatten wir ein wenig Angst vor diesem Gerät, weil man immer jemanden kannte, dem er explodiert war, wenn es nicht sogar im eigenen Haushalt passierte. Und die Trockenhaube: dieses Monstrum, unter dem die Mutter stundenlang verschwand, weil es die einzig anerkannte Entschuldigung war, in der Zeit, die es dauerte, bis die mühsam auf stachelige Lockenwickler gedrehte und dann unter einem netzartigen Tuch festgezurrten Dauerwellen getrocknet waren, nichts zu tun, außer Frauenzeitschriften zu lesen.

Unsere erste Trockenhaube, bevor es dann eine mit Ständer gab, das Luxusmodell, wurde hinten an den Staubsauger angeschlossen, eine sehr laute Tortur, wie man sich vorstellen kann. Aber immer noch besser, als den wirklich schweren Staubsauger hochhieven zu müssen, damit das auch anschließbare Föhnendstück sich auf die Haare richten ließ. Einmal dachten meine Mutter und ich, wir könnten erhebliche Zeit gewissen, wenn sie mir Haare föhnte, während ich noch in der Badewanne saß. Es war kein guter Plan, denn das Föhnteil löste sich und fiel ins Wasser, und ich meine mich zu erinnern, ich hätte einen ordentlichen Schlag abbekommen, den ich allerdings unbeschadet überlebte. Wir haben danach derartige Experimente gelassen.

Wenn Sie also dieses Buch lesen und sich noch an Casettenrekorder und die ersten Barbies erinnern können, wenn Sie sich fragen, welche Ihrer Erinnerungen eigentlich echt sind und was sie heute für Sie bedeuten – dann werden Sie sich nach der Lektüre dieses Buches jedenfalls nicht mehr alleine fühlen.

Schreiner, Margit
Schöffling & Co. Verlagsbuchhandlung
ISBN/EAN: 9783895612831
22,00 € (inkl. MwSt.)