Wie alles begann und wer dabei umkam

Simon Urban, der Autor dieses fulminanten Romans, hat laut Klappentext Germanistik und Komparatistik studiert, was ihn offenbar dazu befähigt hat, Gut und Böse gar wunderbar zu vergleichen. Wenn er nicht selbst nebenbei auch ein wenig Jura oder Rechtsphilosopie studiert haben sollte, muss er jedenfalls einen sehr guten Informanten haben, denn eigentlich geht es in diesem Buch, jedenfalls in der ersten Hälfte, vor allem um Strafrecht und letztlich auch das gesunde Rechtsempfinden. Allerdings gelingt es ihm, das ganze so wunderbar schwarz zu malen, dass sich von Schirach doch eine gewaltige Scheibe davon abschneiden kann.

Im Gegensatz zu von Schirach ist Urban jedoch ein Meister der gemeinen und dann auch hochkomischen Formulierungen, die mich dazu brachten, in sehr wenigen Stunden immerhin die ersten 295 Seiten des nicht ganz dünnen Werkes zu verschlingen.

Der Held des Romanes hat schon als Kind ein ausgeprägtes Gerechtigkeitsempfinden, gepaart mit völliger Empathielosigkeit und Mordgelüsten, die er jedoch besonders in seinem später aufgenommenen Jurastudium durch die Entwicklung eines alternativen Strafrechtssystems kanalisiert. Selten habe ich ein so fieses Spiegelbild der bourgeoisen (egal ob rechts oder links) Gesellschaft gelesen, eine so gemeine Satire auf die verbreiteten Strafbedürfnisse der Gesellschaft, und selten war mir ein so gewissenloser Held so sympathisch. Es ist wirklich nichts Nettes an diesem Kerl, der mit seiner Freundin Sandra zum Beispiel ein Beleidigungsritual ersonnen hat, in dem sie sich gegenseitig in gnadenloser Offenheit sagen, was sie am jeweils anderen ganz besonders eklig finden. Man kann sich unmittelbar vorstellen, dass das der Beginn einer ganz besonderen Beziehung ist.

Zugleich haben wir es hier mit einer hübschen Satire auf den Gutmenschen zu tun, der zu esoterischen Anfällen neigt und die höchst eigene Verwirklichung im Café am Ende der Welt und ähnlich bekannten Plätzen sucht:

„Ich glaube bis heute, dass man, wenn es um den sogenannten Sinn des Lebens geht, zwei Optionen hat: Man kann, solange man existiert, darüber nachdenken, ohne zu einem Ergebnis zu kommen- oder man kann überhaupt nicht darüber nachdenken, wobei man ebenfalls zu keinem Ergebnis kommt. Da das Resultat in beiden Fällen das gleiche ist, habe ich den zweiten Weg immer für sinnvoller gehalten, denn falls es den Sinn des ´Lebens überhaupt geben sollte, wird er wohl kaum darin bestehen, die eigene, ohnehin schon knapp bemessene Zeit mit einem zum Scheitern verurteilten Ego-Exkurs zu vergeuden, der ungefähr so vielversprechend ist, als würde ein Schizophrener seine erste Persönlichkeit durch die zweite therapieren wollen.“

Der zweite Teil des Buches führt uns nach Asien, wo der Held in Singapur einen ähnlich gesinnten Geldgeber für die Umsetzung seines Rechtsprojekts findet und sich vom noch etwas ungelenken Jurastudenten zu einem echten Kämpfer umformt, was die Geschichte auf ein Ende zusteuern läßt, das eines Tarantino würdig wäre. Einen kleinen Wermutstropfen gibt es dann allerdings - nach dem unglaublich spannenden Aufstieg zum Gipfel der Absurdität geht Urban dann, so scheint es mir, ein wenig die Puste aus.

Aber das macht die Lektüre bis dahin nicht weniger vergnüglich.

Urban, Simon
Verlag Kiepenheuer & Witsch GmbH & Co KG
ISBN/EAN: 9783462055009
24,00 € (inkl. MwSt.)