Wie tief ist das Wasser

Es muss nicht sehr tief sein, das Wasser, in dem man ertrinken kann, es erfordert nur eine tiefe Verzweiflung, will man sich darin umbringen.

Es ist schwer, in Coronazeiten ein Buch zu empfehlen, das zutiefst (schon wieder dieses Wort) deprimierend ist. Aber wir leben in einer Situation, in der sich viele Gedanken darüber machen, was mit Familien passiert, die ihre Konflikte nicht nach außen tragen können, wo keiner ist, der etwas mitbekommt, etwas beobachtet.

Susan Hill erzählt von zwei Familien, die jeweils nur aus einem Elternteil und einem Sohn bestehen, den Hoopers und den Kingshaws. Geschrieben hat sie es schon 1970, als alleinerziehende Frauen, insbesondere in einer so klassenbewußten Gesellschaft wie der englischen, mit einem Makel der Unvollkommenheit behaftet waren. Mrs. Kingshaw versucht schon seit geraumer Zeit, für sich und ihren Sohn eine neue Heimat zu finden, und Mr. Hooper sucht eine neue Frau, die sich um ihn und seinen Sohn kümmert. Er hält sich für unattraktiv und weiß, dass er nur über dem Umweg, eine Hauswirtschafterin zu finden und sie gehörig zu estimieren, wie es bei uns auf dem Dorf früher hieß, vielleicht zum Ziel kommen wird: wieder eine funktionsfähige Familie zu haben, vor allem auch Gesellschaft für seinen Sohn.

Dieser Sohn ist von dem Gedanken nicht beglückt, und auch der kleine Kingshaw findet, dass seine Mutter sich verkauft, nicht viel besser als eine Hure. Dabei könnte doch alles perfekt sein, in dem etwas heruntergekommenen Landhaus, das zwar überall noch den Staub vergangenen Glanzes über alles Leben legt, aber bestenfalls doch wieder mit Zufriedenheit gefüllt werden könnte.

Könnte – wenn der junge Hooper nicht ein kleines, hinterlistiges Monster wäre, und die Erwachsenen, vor allem Mutter Kingshaw, ab und zu ein klein wenig zuhören würde, wenn ihr Sohn versucht, ihr von seinem Leid zu erzählen, von den vielen kleinen Gemeinheiten, mit denen Hooper junior ihn quält.

Es ist eines dieser Bücher, in die man hineinspringen möchte, um den Beteiligten zu sagen: wacht auf, warum tut Ihr das, warum merkt Ihr nichts? Fast schon atemlos begleitet man den jungen Kingshaw in der Hoffnung, es werde sich doch noch alles zum Guten wenden…

Sie ahnen schon, dass dem nicht so ist – und trotz dieses Spoilers rate ich Ihnen sehr zu diesem Buch.

Schon in ihrem ersten, letztes Jahr veröffentlichten Buch „Stummes Echo“ zeigte Hill ihre beeindruckende Fähigkeit, uns einsame Menschen nahezubringen, die seltsamen Rituale englischer Landbevölkerung so zu beschreiben, dass man sie zu verstehen meint. Auch dieses Mal ist es ihr wieder mehr als nur gut gelungen.

 

Hill, Susan
Kampa Verlag AG
ISBN/EAN: 9783311240013
24,00 € (inkl. MwSt.)