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Buchtipps

Meine Freundin Kay ist Richterin in San Francisco, und nicht irgendeine, sondern zuständig  für Mord und Totschlag und Gangkriminalität. Sie sieht also viel, was man manchmal lieber gar nicht sehen will. Letztes Jahr habe ich ihr von meinen amerikanischen Lieblingsautoren vorgeschwärmt,  Pollock, Woodrell, Carlos Blake, und wovon ihre Bücher handeln – „Das denkst Du also von uns?“ fragte sie.

Barton war lange Jahre Gerichtsreporterin in England, das merkt man ihrem Erstling auf angenehme Weise an. Wie der Titel schon erahnen lässt, steht hier nicht der Täter im Mittelpunkt, sondern seine Frau, Jean, die alles mit ihrem Mann durchsteht: den Verdacht, ein Kindesentführer zu sein, den Prozess, die Zeit danach, die trotz Freispruchs von Nachstellungen durch Presse und Polizei geprägt wird. Aber was weiß sie wirklich? Die Wahrheit, wenn es denn eine gibt? Warum steht sie weiter zu ihm, selbst als sie merkt, dass er zumindest ein großer Freund von Kinderpornographie ist?

Nicht, dass der Plot besonders originell wäre: frisch von ihrem Freund betrogene Enddreißigerin erbt überraschend von der nach Amerika ausgewanderten Tante eine riesige Villa in den Hamptons, bewohnt von 5 reizenden alten Herrschaften. Leider sind die völlig mittellos und das schwer renovierungsbedürftige Haus daher nicht zu retten. Naheliegend, daß die Heldin nun mit dem Gedanken spielt, das Angebot eines reichen Russen über 11 Millionen Dollar Kaufsumme anzunehmen.

Das Gegenteil von Juli Zehs  „Unterleuten“ ist dieses Buch. Auch wenn sich Frau Hubbell ebenfalls ein paar Sätze über die Städter, die alles besser wissen als die Landbewohner, nicht verkneifen kann.

Keine der Figuren dieses Buches ist sympathisch, aber das macht nichts. Wer vom Dorf kommt, weiß, daß der Städter nicht gut daran tut, sich im Glauben an die heilere Welt auf´s Land zu begeben, schon garnicht, wenn er sich für klüger hält als die dummen Bauern. Juli Zeh seziert unerbittlich die Lügen und Selbstbetrügereien der Dorfgemeinschaft und sie serviert uns ein Ende, das sich wirklich gewaschen hat. Nehmen Sie sich einen Sonntag nichts anderes vor, denn man kann schlecht aufhören, bevor man fertig ist.

Castle Freeman Männer mit Erfahrung   Was für ein Kleinod! Hat einer hier je zuvor von diesem –Autor gehört? Ich jedenfalls nicht, und ich will sofort mehr von ihm. Ein Meister knappster Dialoge von beeindruckender Aussagekraft.  Zum Beispiel über die Frage, warum die Frauen in der Gegend sich dauern mit Typen zusammentun, die nichts als „ein Sack voll Ärger“ sind: „Irgendwas im Wasser“, sagte Coop. „Die Winter sind zu lang“, sagte D.B. „Diese jungen Typen haben ein spezielles Aftershave“, sagte Coop-.

Tomatenrot Sind die Haare von Jamalee, „ein Rot, das bei irgendeinem Gewächs im Garten natürlich aussieht, aber nicht bei einen Menschen auf dem Kopf“. Mit ihrem Bruder Jason träumt sie von einem Leben, in dem es so luxuriös zugeht wie in den Villen, in die sie gerne einbrechen, weniger, um zu klauen als vielmehr um ein paar Stunden dem deprimierenden Leben in Trailerparks und dreckigen Holzhäusern zu entgehen, oder ihrer zynischen Mutter, die immer noch gut genug aussieht, um genug Herren zu empfangen, die ihr über die Runden helfen.